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Martha streckt den Kopf zur Tür herein.
Ob sie stören dürfe, nur kurz, auf eine Frage?
Ich winke sie in die Bibliothek, in der ich seit dem Frühstück am Schreibtisch sitze, zeige auf einen nahen Stuhl.
Wäre es möglich, dass ich in etwa einer Stunde Daniel Holzer in der »Lokalbahn« treffen könne?
Weiß Martha, was Daniel will?
Nein, sie weiß es nicht. Daniel hat Korbinian angerufen und ihn gebeten, mir seine Bitte auszurichten.
Ich kann mir nicht vorstellen, was der Heimatfilmer von mir will. Er hat doch meine Nummer, kann mich also anrufen. Warum dieser Umweg über Korbinian?
Ich danke Martha und sage zu, rechtzeitig in der »Lokalbahn« zu erscheinen.
Das Wetter ist gut genug, um das Fahrrad zu nehmen.
Ich betrete das noch ziemlich neue Lokal zum ersten Mal, bleibe an der Tür stehen, schaue mich um, der Wirt hinter dem Tresen sieht herüber, zwei Männer an einem Fenstertisch heben für einen Moment ihre Köpfe, Daniel Holzer rutscht vom hohen Hocker am Tresen und kommt auf mich zu. Er grinst mich an, grüßt, streicht über seinen Dreitagebart, eine Verlegenheitsgeste.
Ob das eine Einladung zum Bier gewesen sei, frage ich wohlwollend, doch mit ernstem Unterton.
Holzer wirft einen schnellen Blick hinter sich, tritt dann noch einen Schritt näher.
Der Denkmalschutz wäre im Kloster gewesen, flüstert er mir zu.
Aus welchem Grund?
Die Restauratoren hätten Fresken freigelegt.
Das sei doch keine aufregende Neuigkeit. Wären denn nicht schon einige Wandbilder entdeckt worden?
Sie sollen sehr alt sein. Man munkele von einer Sensation.
Drüben auf dem Tresen, wo Holzer seinen Platz hatte, liegt noch seine Filmtasche und das Stativ.
Ich lächle Holzer an. Er sei ein Schlingel, sage ich.
Seine Augen hinter den Gläsern seiner Hornbrille schauen mich erstaunt an.
Er missbrauche mich als Türöffner.
Ich muss ihm so deutlich Bescheid geben, damit er nicht auf den Gedanken verfällt, sein raffiniertes Manöver sei von Erfolg gekrönt, ohne als solches erkannt worden zu sein.
Natürlich verteidigt er sich.
Als Heimatfilmer sei er gut, schaffe kulturelle Werte, die über die Zeit hinausreichten. Er habe einfach die Chronistenpflicht, diese Fresken zu filmen, damit sie dokumentiert, dem möglichen Vergessen entrissen seien.
Das hat er sich wirklich gut zurechtgelegt, der Herr Filmemacher. Ich nicke ihm zu und schon machen wir uns auf den Weg. Holzer hat seine Tasche umhängen und das Stativ über der Schulter. Ich schiebe mein Rad.
Wir nehmen den Weg hinauf zum Hof von Franz Tischlinger, kommen am Teich vorüber, der zum Hof gehört, folgen dem Pfad am Hang entlang auf den Wald zu. Die Sicht ist gut, jedoch nicht ganz klar. Die Berge geben hinter einem großen Teil des Sees eine schöne Kulisse ab. Oben auf der Steinkirchner Höhe drehen sich die Flügel der Windräder.
Als wir aus dem Wald herauskommen, liegt unterhalb des Wiesenhanges die Klosteranlage. Von außen ist unser altes Kloster – der Chronik zufolge geht die Gründung auf das Jahr 1235 zurück – schon wieder ein Schmuckstück. Innerhalb der Mauern gibt es noch viel zu tun.
Die Pforte in der Mauer steht einladend offen. Im kleineren Innenhof mit dem runden Ziehbrunnen in der Mitte lasse ich mein Rad zurück. Holzer ist offenbar bekannt, wo es langgeht, von wem auch immer er die Kenntnis davon hat, führt mich nach vorne zum Torhaus. Hier hat in früheren Zeiten der Abt die Gäste empfangen, die das Kloster nicht betreten durften. Im sogenannte