Kapitel 1
»Also, mach’s gut. Ich muss los!«, rief mir Margit, meine beste Freundin und Mitbewohnerin, zu und war auch schon aus der Tür. Sie würde mit Manuel in die Berge fahren, wo seine Familie eine Luxushütte besaß, underwachsene Feiertage haben. Während ich mit meinen 28 Jahren Weihnachten wie immer bei Mama und Papa verbringen würde.
Ich musste nur noch dieses letzte Geschenk zumindest akzeptabel verpacken und ebenfalls losfahren. Nicht jedoch in die Berge, sondern aufs Land.
Weihnachtsfeiern bei uns Meinhards waren, vor allem für meine Mutter,das Highlight des Jahres. Klar konnte ich, Carla Meinhard, als einzige Tochter des Hauses nicht davon fernbleiben. Nein, das brachte ich auch dieses Jahr nicht übers Herz. Offen gestanden hatte ich auch keine interessante odererwachsene Alternative, aber das war eine andere Geschichte.
Wenig enthusiastisch, aber immerhin mit dem Anflug einer ergebenen Vorfreude im Herzen, packte ich die bunten Päckchen in die Tasche und machte mich, am Steuer meines roten Cityvans, auf den Weg hinaus aus der Großstadt in das kleinste Kaff der Welt, wo ich aufgewachsen war … wohlbehütet und, nun ja, ohne erwähnenswerte Vorfälle.
Eine dicke Schneedecke lag auf Bäumen, Feldern und Hausdächern und trug dazu bei, die an mir vorüberziehende Landschaft, wenn möglich, noch monotoner erscheinen zu lassen, als sie ohnehin war. Ich überlegte kurz, das Lenkrad grob nach rechts zu drehen. So ein kleiner Unfall konnte definitiv dazu beitragen, den bevorstehenden Abend aufregender zu gestalten. Schon sah ich mich im Krankenhaus liegen, im Untersuchungszimmer mit einem attraktiven Arzt. So eine Mischung aus George Clooney und Patrick Dempsey. Die Versuchung war wirklich groß. Natürlich widerstand ich ihr.
Schließlich arbeitete ich darauf hin, endlicherwachsen zu werden.
Knapp vor Sonnenuntergang war ich da. Perfektes Timing, wie immer. Ich schaffte es alle Jahre wieder, die Rückkehr nach Hause so lange wie irgend möglich hinauszuzögern.
Kaum hatte ich den Motor abgestellt, sah ich sie auch schon auf mich zu rennen: Ursula, meine Mutter, stets elegant mit ihren frisch gesträhnten Haaren, die sie stur im Joan-Collins-Look trug. Einziger Fehltritt die Küchenschürze, die ihre üppige Figur unschön umhüllte. Ich kam nicht nach ihr. Streng genommen auch nicht nach meinem Vater. Dunkle Haare, braune Augen und butterweiche Kurven – das war ich. Nach wem ich genau kam, hatte ich, ehrlich gesagt, nie wirklich begriffen. Mein Vater hatte einmal von einem südländischen Ur-Ur-Irgendwas erzählt. Dieser Ur-Ur-Irgendwas hatte meine Ur-Ur-Irgendwas geschwängert und seine gänzlich undeutschen Gene in unsere Familie geschmuggelt. Ich nahm mir einmal mehr vor, dem Ur-Ur-Irgendwas eine Statue errichten zu lassen. Meine Dankbarkeit ihm gegenüber war immens. Denn insgesamt war ich zufrieden mit meinem Aussehen. Mein mediterranes Auftreten verschaffte mir nicht zuletzt einen gewissen Erfolg bei Männern. Dass sie am Ende dann doch alle ihre blonden Stefanies heirateten, lag gewiss nicht an mir.
»Mäuschen! Komm rein, komm rein, komm rein!«, rief mir meine Mutter zu, schickte dabei Atemwölkchen in die Luft und fächelte so sehr mit der Hand hin und her, dass ich damit rechnete, sie jeden Moment wegfliegen zu sehen. Die Freude war ansteckend. Ich ruderte also aus Solidarität auch mit den Armen. Außer meiner Mutter sah mich ja niemand dabei.
»Hallo Mama, na, schon alles bereit für das große Fest?« Dass meine Frage vor Ironie nur so troff, bekam sie nicht mit. Wir umarmten uns, und ich atmete den typischen Mama-Duft nach Parfüm, Waschmittel und Haarspray ein. Ihr Geruch war vertraut und deckte sich mit meiner Idee von Zuhause.
Während sie weiter mit der Hand fächelte, trat ich ein.
»Natürlich, natürlich, natürlich!« Wenn sie aufgeregt war, verfiel sie in einen seltsamen Zustand, der einer Mischung aus Stottern und Amnesie glich. »Die Plätzchen sind alle fertig dekoriert, der Braten ist im Rohr, Knödel im Wasser und der Apfelstrudel im Kühlschrank. Ja, ja, ja. Alles bereit!«
So genau hatte ich es nun auch wieder nicht wissen wollen.
»Wo bleibt ihr denn? Kommt endlich rein!«
Mein Va