: Kees Beijnum
: Die Zerbrechlichkeit der Welt Roman
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641180133
: 1
: CHF 8.00
:
: Erzählende Literatur
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Tokio 1946: Eine dramatische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Kriegsverbrecherprozesse< r />
Tokio 1946: Der Richter Rem Brink ist vom niederländischen Außenministerium zu den sogenannten Tokioter Prozessen gesandt worden, um mit den Siegermächten die japanischen Kriegsverbrechen aufzuarbeiten. Brink ist sich seiner besonderen Verantwortung bewusst, sucht gleichzeitig aber auch Zerstreuung in einer Liaison mit der jungen Sängerin Michiko. Durch sie lernt er eine ganz andere, faszinierende Seite Japans kennen. Doch als Michiko ihn um einen Gefallen bittet, der seinen politischen und moralischen Grundsätzen widerspricht, wird die Beziehung auf eine harte Probe gestellt …

Die Zerbrechlichkeit der Welt ist eine ergreifende Liebesgeschichte und ein Roman über kulturelle Fremdheit, Neuanfang, Schuld und Vergebung. Kees van Beijnum bettet dies eindringlich und authentisch in ein weltpolitisch bedeutsames, aber kaum bekanntes Kapitel der Nachkriegszeit ein.

Kees van Beijnum, geboren 1954, arbeitete zunächst als Journalist. Inzwischen hat er elf Romane geschrieben, die mit vielen Literaturpreisen (u.a. dem renommierten AKO-Preis) ausgezeichnet wurden. Er gehört zu den renommiertesten Autoren der Niederlande.

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Es ist Donnerstag, heute Abend wird er sie sehen. Eine sanfte Unterbrechung der Gerichtsverhandlungen und des Aktenstudiums eine Stunde pro Woche. Mehr erwartet er nicht. Mehr möchte er nicht. Brink schließt die Augen. In Gedanken sieht er den Schatten ihrer Schultern, die kleinen Brüste, die in Japan, wie er gelernt hat, dem traditionellen Ideal weiblicher Schönheit entsprechen. Es fällt ihm schwer, sich auf Keenan zu konzentrieren. Aus den Szenen der Gewalt, die der amerikanische Hauptankläger heraufbeschwört, aus den rauchenden Trümmern Nankings steigt sie vor Brink auf wie eine leuchtende Lilie.

Auf der Zeugenbank nimmt ein Einwohner von Nanking Platz. Die Stimme des jungen Chinesen ist so leise und dünn, dass Keenan ihn zweimal ersuchen muss, lauter zu sprechen, weil der Dolmetscher ihn nicht versteht.

Mit gesenktem Blick erzählt der Zeuge, wie er sich stundenlang in einem Berg aus Leichen versteckt halten konnte.

Brink macht sich Notizen und beobachtet die Angeklagten, achtundzwanzig insgesamt. In Reihen hintereinander sitzen sie ihm gegenüber wie Zuschauer in einem kleinen Theater. Ihre glatten Gesichter, blass von den Monaten der Haft im Sugamo-Gefängnis, stechen im grellen Licht der Deckenlampen gespenstisch weiß hervor. Unergründlichkeit als erste und letzte Verteidigungslinie gegen die Richter, Protokollführer, Ankläger, Verteidiger und Journalisten, Fotografen und Kameramänner. Auf der Tribüne sitzen die japanischen Zuhörer von denen aus dem Westen getrennt.

Der Chinese erzählt, dass ein japanischer Offizier seine Lederstiefel gegen Gummistiefel austauschte und darin über den Leichenberg lief. Den noch Lebenden schoss er mit einer Pistole in den Kopf. Über Kopfhörer lauschen die Angeklagten der Übersetzung seiner Worte. Oder tun so als ob. Bis zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung ist ihre Welt, abgesehen von der Unsicherheit und Bedrohung, vor allem monoton und eingeschränkt. Sie werden im Gefängnis am Leben erhalten, um täglich hier vor Gericht zu erscheinen. Die Zeit von Generalsuniformen und Ministerposten, von Mythen und Doktrinen ist vorbei. Sie existieren nur noch als Kriegsverbrecher der »Kategorie A«, die man für zwölf Millionen Opfer verantwortlich macht – es können auch eine Million mehr oder weniger gewesen sein. Für die Dauer der Prozesse sind ihre Leben mit seinem, Brinks Leben, dem Leben des jüngsten der elf Richter, verknüpft.

Nach der Verhandlung fährt er nicht gleich nach Ginza, den Stadtteil, wo er sich mit ihr treffen wird. Er macht gern alles hübsch der Reihe nach und hält sich an den festen Tagesablauf, der sich in dem halben Jahr, das er jetzt hier ist, eingespielt hat. Eher aus Routine denn aus Notwendigkeit. Weil Donnerstag ist, trinkt er erst einen Whisky mit Eis an der Bar des Imperial Hotel,ein Glas, mehr nicht. Zeit, die Zeit, die einem gegeben ist und deren Ausgestaltung, ist die Grundlage für alle Vorhaben, die großen wie die kleinen. Vor zwei Wochen ist sein regelmäßiges und diszipliniertes Programmschema um ein neues Element ergänzt worden. An dem Tag, da die Phase der Enthaltsamkeit endete, die er sich selbst auferlegt hatte. Genau ein halbes Jahr war er in Tokio. Nun genehmigte er sich ein Mädchen.

Neben ihm nimmt sein