: Ulf Torreck
: Fest der Finsternis Historischer Thriller
: Heyne Verlag
: 9783641190545
: 1
: CHF 4.50
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: Spannung
: German
: 672
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Paris im September 1805. Der intrigante Polizeiminister Joseph Fouché regiert die Stadt mit eiserner Hand. Doch die Bewohner der Weltmetropole sind ergriffen von Angst. In finsteren Gassen werden die Leichen blutjunger Mädchen gefunden, die Brutalität der Morde ist beispiellos. Der für seinen Jagdinstinkt berühmte Polizist Louis Marais arbeitet wie besessen an dem Fall. Marais weiß, dass es ein Monster braucht, um ein Monster zu jagen. Er greift auf die Hilfe eines alten Bekannten zurück, der hinter den Mauern des Irrenhauses von Charenton sein Leben fristet. Doch damit führt Marais den Alptraum erst zu seiner wahren Größe …

Ulf Torreck, geboren 1972 in Leipzig, arbeitete bereits früh als Barmann, später als Journalist und Filmkritiker. Nach längeren Aufenthalten in Südostasien, Frankreich, Irland und Großbritannien begann er, Novellen und Romane zu schreiben. Seit April 2011 veröffentlichte Ulf Torreck unter dem Pseudonym David Gray fünfzehn Thriller und Kriminalromane, die regelmäßig Spitzenpositionen in den E-Book-Charts erreichten. Für seine historischen Thriller »Das Fest der Finsternis« (ebenfalls bei Heyne erschienen) und »Zeit der Mörder« recherchierte Torreck mehrere Jahre lang und befasste sich intensiv mit den dunklen Seiten des Menschen.

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DANSE MACABRE

Im August 1805 herrschte die Pest bereits den dritten Monat über Brest. Leise wie ein Dieb in der Nacht war sie aus einer der Gossen aufgestiegen und hatte die Stadt und ihre Bewohner innerhalb weniger Tage in ihren Bann geschlagen. Seither lagen die Straßen und Plätze tagein, tagaus verlassen da. In Rinnsteinen und auf Trottoirs häufte sich der Unrat. Ein Festmahl für Ratten, Krähen, Raben und Möwen. Ein dumpf drückender Gestank machte den Menschen das Atmen schwer. Selbst der Himmel schien niedriger über den Dächern zu hängen, seit die Seuche ihre Herrschaft über die Stadt angetreten hatte. Brest schien dem Willen und der Macht seiner Bewohner entzogen und vollständig dem Tod ausgeliefert. Jenem wahren Herrn der Welt, in dessen Schuld jeder von uns vom ersten bis zum letzten Atemzug steht. Seit Mitternacht fiel kalter Nieselregen, der mit dem steifen Wind vom Meer her in die Stadt wehte und wenigstens einen Teil des Leichengestanks vertrieb.

In einem Bürgerhaus beim Marktplatz trafen sich an diesem Morgen Louis Marais, der Polizeichef und amtierende Präfekt von Brest, und der Marinearzt Docteur Couton. Seit dem Ausbruch der Seuche war Marais jeden Morgen um dieselbe Zeit von seinem Büro in der Präfektur zum Haus des Marinearztes gegangen, um die Anzahl der Toten zu erfahren und sich mit ihm über die Lage in der Stadt zu beraten.

Marais war ein großer, schlanker Mann mit einem kantigen Gesicht und dünnen Lippen. Seine schmale, leicht gebogene Nase vermittelte den Eindruck von Selbstsicherheit und Strenge. Obwohl er hier in Brest ein mächtiger Mann war, bevorzugte er einfache, schlichte Kleider. Er war kein besonders umgänglicher Mann. Falls er seit seiner überstürzten Versetzung hierher nachBrest in der Stadt so etwas wie einen Vertrauten gewonnen hatte, dann war das der Doktor Couton. Leutselig, mollig und stets geradeheraus dem Leben zugewandt, bot der Marinearzt schon äußerlich ein auffallendes Gegenbild zu dem sehnigen Marais.

Obwohl Coutons Opferzahlen heute Morgen zum dritten Mal in Folge erfreulich niedrig ausfielen und Marais eigentlich Grund zur Freude hätte haben sollen, blieb seine Mine angespannt.

Couton, der Marais’ Miene zu deuten wusste, trat zu demmächtigen alten Bauernschrank, holte zwei Gläser heraus, füllte sie mit einem guten Schluck Rum und reichte eines davon an Marais.

»Sie müssen endlich etwas gegen den Spuk des Abbé Maurice unternehmen!«, forderte er den Präfekten auf.

Nachdem die Kirchen und Kapellen mit dem Ausbruch der Seuche über Wochen hin verwaist gewesen waren, hatte Abbé Maurice, der Priester der Fischerkirche von Saint-Petrus, begonnen, seine Runden durch die verlassenen Straßen der Stadt zu machen. Eine Handglocke schwingend, rief er die Menschen in ihren verrammelten Häusern zu Gebet und Buße auf. Seine einsamen Aufrufe zeigten schon bald Wirkung. Bereits am zweiten Tag schloss sich ihm ein erstes verlorenes Häuflein Gläubiger an.

Dies hatte Coutons Missfallen erregt. Denn in Zeiten der Seuche stellten Menschenansammlungen eine Gefahr dar. Und obwohl der Doktor immer wieder darauf hinwies, ignorierte Marais die Warnung. Immerhin hatte der Abbé sich seit Ausbruch der Pest aufopfernd um seine Schäfchen gekümmert. Unermüdlich war er dem Doktor und dessen Gehilfen zur Han