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Als Hank die rechte Hand zum Türknauf manövrierte, sirrte es leise. Er horchte dem Geräusch hinterher, prüfte, sezierte es. Einerseits hatte es etwas Beruhigendes, denn es bedeutete, dass die Prothese noch funktionierte und seine kraftlosen Muskeln unterstützte. Andererseits hatte sie zu Anfang und viele Jahre in der Folge nahezu lautlos ihren Dienst verrichtet, und so signalisierte das Gerät, dass seine Lebensdauer begrenzt war und sich vielleicht schon bald erschöpft haben würde. Das war verstörend, denn es rückte ihm seinen körperlichen Allgemeinzustand ins Bewusstsein – und der war nicht gut. Ja, er war sogar erbärmlich und überhaupt das Letzte, woran er an seinem Geburtstag denken wollte.
Er drehte, begleitet von unangenehmen Knarz- und Knackgeräuschen, den Knauf, drückte die Kabinentür auf, schaltete die Beleuchtung ein und schob das Com mit dem eingebauten Scanner durch den Spalt. Langsam schwenkte er es von rechts nach links, von oben nach unten, und als kein Warnsignal ertönte, klickte er es am Gürtel fest. Dann trat er in seine Kabine, zog die Tür hinter sich zu, tappte zum Tisch und ließ sich ächzend in den Sessel sinken. Hundertfünfundsiebzig Jahre ließen sich auch dann nicht leugnen, wenn man hundertdreizehn davon im Tank zugebracht hatte.
Er wartete, bis sein Atem sich beruhigt hatte, dann zündete er die Kerze an, die er eigens für diesen Zweck schon am Morgen auf den Tisch gestellt hatte. Neben der Kerze stand eine Plastbox mit Ausgießer. In Gedanken nannte er die Box »Flasche«, denn es war Selbstgebrannter darin: ein Gesöff der Hölle, das sich in die Hirnwindungen fraß, die Erinnerungen kurz auflodern ließ und sie dann zu Asche verbrannte. Ulisses brachte es unter der Hand in Umlauf. Er arbeitete in der Fabrik und behauptete, er pflege die schottische Tradition der Whiskydestillation. Das war maßlos übertrieben. Sein Gebräu war grauenhaft, aber alternativlos. Hank hatte keine Ahnung, wer alles zu Ulisses’ Kunden gehörte, doch eines wusste er: Das Getränk enthielt nicht nur Alkohol. Möglicherweise enthielt es aber auch zu viel Alkohol. Auf jeden Fall war die Wirkung verheerend.
Er schenkte sich einen halben Becher ein und leerte ihn in einem Zug – die einzige Möglichkeit, das Zeug herunterzukriegen. Er wartete, bis die Zuckungen in Schlund und Magen abgeklungen waren, dann lehnte er sich zurück und gab einen Laut von sich, von dem er selbst nicht wusste, ob er ein wohliger Seufzer oder Ausdruck physischer Qual war. Vermutlich beides.
Sein Blick fiel auf den Ausdruck an der Wand: ein Foto der Erdkugel, am Rand in perspektivischer Verzerrung der nordamerikanische Halbkontinent. Das Meeresblau war verblasst. In der Landmasse steckte eine Nadel mit grünem Glasknopf. Wegen des Maßstabs stand nicht mal der Name des Ortes dabei, aber er wusste den Namen noch: Walla Walla. In diesem Kaff war er aufgewachsen, dort hatte er studiert.
Erinnerungen trübten seinen Blick, ein träger Tanz von Eindrücken, die er keiner Jahreszahl mehr zuordnen konnte. Ein Holzhaus, in der Einfahrt ein weißerSUV. Eine Schaukel, die quietschend im Wind schwang. Ein kleiner Hund, der vom Steg gefallen war und den sein Vater aus dem Wasser gefischt hatte – anschließend hatten sie ihn Buoye getauft. Aber wie hatte das Mädchen mit dem Pferdeschwanz geheißen, das ihn zwischen zwei Vorlesungen mit ihrem Zungenpiercing überrascht hatte? Er erinnerte sich noch d