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EIN MANN AM RANDE DES ABGRUNDS
24. Januar 1982: 10.23 Uhr
»Bobby Cassidy lebte sein Leben am Rande des Abgrunds. Monaco war eine Stadt nach seinem Geschmack …«
Verglichen mit anderen Erfahrungen, war das hier höchst ungewöhnlich. Er hatte sich immer vorgestellt, in irrwitzigem Tempo durch die Nouvelle Chicane zu brettern, im linken Seitenspiegel James Hunt, im rechten Gilles Villeneuve, die beide nicht an ihm vorbeikamen. Aber als es nun tatsächlich passierte, verlieh Sean Connerys Kommentar –Wo kam der überhaupt her? – dem Ganzen ein seltsames und eindeutig surreales Flair. Und es wurde noch sonderbarer. Während er versuchte, sich auf den engen gewundenen Kurs mit all seinen wahnwitzigen Haarnadelkurven und diversen urbanen Ablenkungen zu konzentrieren –War das wirklich Sally McLoy aus Hurlford, die ihm vom Balkon des Grand Hotel aus zuwinkte, oben ohne mit ihren Riesentitten, die wackelten wie Götterspeise bei einem Erdbeben? –, bereitete ihm die Tatsache Sorgen, dass er sich nicht erinnern konnte, wie er hierhergekommen war.
Wie war er bei drei Millionen Arbeitslosen, deren Zahl täglich stieg, überhaupt Rennfahrer geworden? Er konnte sich nicht erinnern, bei einem Vorstellungsgespräch gewesen zu sein oder auch nur ein Bewerbungsformular ausgefüllt zu haben. Wie viele Rennen war er schon gefahren? War er von Murray Walker interviewt worden? Wohnte er noch in dem zweistöckigen Haus in der Almond Avenue 13, in einer Sozialsiedlung in Kilmarnock, Schottland, Europa, Welt, Universum (Schulhefte, alte Gewohnheiten …), mit seiner Mum, seinem Dad, seiner Schwester Heather und dem verlorenen älteren Bruder Gary? Und, die beunruhigendste Frage von allen, warum hatte er auf einmal drei Arme?
»Garantiert irgendein Fehler …« Allmählich ging 007 Bobby echt auf die Nerven.
»Halt die Klappe, Sean. Ich versuche hier zu fahren.«
Als sie um die enge Portier-Kurve kamen und mit 290 Stundenkilometern auf den berühmten Tunnel zurasten, sah Bobby in den gläsernen Barrieren, mit denen der Kurs abgesperrt war, für einen Moment sein Spiegelbild. Der rotweiße McLaren sah aus wie eine riesige Zigarettenpackung auf Rädern. Eine waagerechte Reihe blendender Scheinwerfer ließ ihn eine Hand vom Lenkrad nehmen, um die Augen abzuschirmen. Als er seinen Kopf berührte, dämmerten ihm zwei Dinge gleichzeitig: Erstens trug er keinen Helm, und zweitens war der dritte Arm nicht seiner. Er gehörte zu einer Frau, die auf dem Schalensitz hinter ihm saß. Und das war nicht irgendeine Frau; dieser Arm war der rechte Arm der hinreißenden Sally James aus der KindersendungTiswas, und der fing an, seinen Schwanz zu streicheln.
»Sean, Alter, wir sind nicht mehr im beschissenen Kansas …«
Er wachte gerade noch rechtzeitig auf. Es war nicht Sally