GEGENWART
17. November, 16:33 MEZ
Rom, Italien
ES WAR, ALS hätten sich die Sterne gegen ihn verschworen.
Vermummt zum Schutz gegen die beißende Winterkälte, eilte Monsignore Vigor Verona durch den Schatten auf der Piazza della Pilotta. Trotz des dicken Wollpullovers und des Mantels fröstelte er – nicht wegen der Kälte, sondern weil der Anblick der Stadt ihn mit Furcht erfüllte.
Ein heller Komet stand am Abendhimmel, schwebte über der Kuppel des Petersdoms, dem höchsten Punkt von ganz Rom. Der himmlische Besucher – der hellste seit Jahrhunderten – überstrahlte den soeben aufgegangenen Mond und überdeckte die Sterne mit seinem langen, schimmernden Schweif. Solche Kometen galten in der Vergangenheit häufig als Unheilskünder.
Er hoffte, dass es diesmal anders wäre.
Vigor drückte das Paket fester an seine Brust. Er hatte es nur notdürftig in Packpapier eingeschlagen, doch der Bestimmungsort war nicht weit entfernt. Vor ihm ragte die Fassade der Päpstlichen Universität Gregoriana auf, flankiert von Seitenflügeln und Vorgebäuden. Vigor gehörte zwar weiterhin dem Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie an, hielt aber nur noch selten Gastvorlesungen. Jetzt diente er dem Heiligen Stuhl als Präfekt des Archivio Segreto Vaticano, des Geheimarchivs des Vatikans. Doch das Paket beförderte er nicht in seiner Eigenschaft als Professor oder Präfekt, sondern als Freund.
Das Geschenk eines toten Kollegen.
Er gelangte zum Haupteingang der Universität und schritt durch die Vorhalle aus weißem Marmor. Er unterhielt noch ein Büro an der Universität, denn das war sein gutes Recht. Er kam sogar häufiger hierher, um den großen Buchbestand zu katalogisieren und zu verschlagworten. Die Universität mit ihren über eine Million Bänden konnte es sogar mit der Nationalbibliothek aufnehmen. Untergebracht waren sie in einem angrenzenden sechsstöckigen Gebäude, darunter auch viele alte Texte und seltene Erstausgaben.
Nichts davon aber kam dem Buch gleich, das Vigor bei sich trug – oder dem, was außerdem noch in dem Paket gewesen war. Dies war der Grund, weshalb er den Rat der einzigen Person suchte, der er in Rom wahrhaft vertraute.
Als Vigor die Treppe hochstieg und durch die schmalen Gänge schritt, machten sich seine Knie schmerzhaft bemerkbar. Er war Mitte sechzig und nach jahrzehntelanger archäologischer Feldforschung körperlich noch immer recht fit, doch in den vergangenen Jahren hatte er sich zu lange in den Archiven vergraben, war eingesperrt gewesen hinter Schreibtischen und Bücherstapeln und gefesselt von der Verantwortung.
Bin ich der Aufgabe gewachsen, Herr?
Er musste es schaffen.
Schließlich erreichte Vigor den Fakultätstrakt und erblickte eine bekannte Person, die an seiner Bürotür lehnte. Seine Nichte war ihm zuvorgekommen. Sie musste direkt von der Arbeit hierhergekommen sein. Dunkelblaue Carabiniereuniform, Hose und Jacke mit roten Streifen, silberne Schulterepauletten. Sie war noch keine dreißig und sc