1. Kapitel
Freitag, 03. Januar, 09.40 Uhr
Raus! Ein paar Tage nachdenken. Nein, nur nicht mehr denken. Der Fall war abgeschlossen, die Akten weggelegt. Die letzten Monate waren an Falko vorbeigezogen. Er hatte gehofft, über Weihnachten abschalten zu können und ein bisschen loszulassen. Sehen, was noch zu retten war. Heike hatte Normalität geschauspielert. Es war ihr nur mäßig gelungen. Das Weihnachtsfest hatten sie wie in jedem Jahr verbracht, nur zu zweit, ein Essen, der Austausch einiger Geschenke. Zu Silvester waren sie der Einladung eines befreundeten Paares gefolgt. Andrea war Ärztin, genau wie Heike, ihr Mann Stefan Architekt. Er hatte den Auftrag erhalten, die alten Speicheranlagen zu modernen Wohnungen der gehobenen Klasse umzubauen, und erzählte ausschweifend über die Pläne dieses, wie er immer wieder betonte, einzigartigen Projekts. Falko hatte Mühe gehabt, sich auf den eintönigen Redeschwall zu konzentrieren und gelegentlich Fragen einzuwerfen, die vermeintliches Interesse signalisieren sollten. Es war kurz vor zwei gewesen, als Heike und Falko sich verabschiedetet und von einem Taxi zu ihrem Haus nach Ochtmissen hatten bringen lassen.
Das neue Jahr war noch keine zehn Stunden alt gewesen, als Falko seiner Frau beim Frühstück mitgeteilt hatte, Urlaub zu nehmen und einige Tage allein fortzufahren, um sich endlich über alles klar werden zu können. Ihr Protest war nur schwach ausgefallen.
Am Morgen des 3. Januar packte Falko die lederne Reisetasche in seinen BMW X5 und startete den Motor. Er fuhr noch kurz beim Seniorenheim vorbei, in dem seine Mutter lebte. Es war keiner der Tage, an dem sie ihn erkannte. Also hielt er sich nicht lange auf. Kurz überlegte er, einer Pflegerin Bescheid zu geben, dass er für eine Weile nicht vorbeikäme. Doch er musste sich eingestehen, dass er sich auch sonst, wenn ein neuer Fall seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, oft Tage, manchmal sogar Wochen nicht blicken ließ. Wahrscheinlich würde nicht einmal jemand bemerken, dass er seine Mutter nicht besuchte. Sie am allerwenigsten.
Er fuhr auf der A 7 Richtung Norden. Die Küste war genau das, was er jetzt brauchte. Kalte Luft, eine stürmische See, heißer Tee und lange Spaziergänge, die ihm halfen, seine Gedanken zu ordnen.
Heike hatte ihn betrogen, monatelang, und er hatte nichts davon gemerkt. Er, Kriminalhauptkommissar und Profiler, der den Ruf besaß, Menschen und Tatorte lesen zu können wie kaum ein anderer, war wie ein Ochse am Ring durch die Manege gezerrt und vorgeführt worden. Er schlug mit der flachen Hand gegen das Lenkrad. Wie hatte er nur so ein Idiot sein können? Falko beschleunigte, drückte das Gaspedal immer weiter durc