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Meine Nerven lagen blank.
Google Maps hatte die voraussichtliche Fahrtzeit von Hamburg nach Cuxhaven mit drei Stunden und 19 Minuten berechnet. Google Maps hatte gewusst, dass sich an diesem Vormittag die Autos auf zehn Kilometer vorm Elbtunnel stauten und mir deshalb die Route über die Fähre in Glückshafen empfohlen. Allerdings hatte das unheimlich schlaue Google Maps nicht vorhergesehen, dass an einer roten Ampel kurz vor Pinneberg ein Lkw mit zwei Anhängern auf mich wartete. In drei Stunden musste ich in Cuxhaven sein. Und jetzt zottelte ich seit einer Ewigkeit mit Tempo 60 hinter einem Rapsöl-Laster der Raiffeisen Weser-Elbe eG her. Sein Fahrer war bei der Arbeit, nicht auf der Flucht.
Es regnete. Ein gleichförmiger, beständiger, unaufhörlicher, sanfter Landregen. Die Windschutzscheibe meinesVW-Bullis war beschlagen. Die Scheibenwischer quietschten. Die Autos vor und hinter mir verfügten vermutlich serienmäßig über stufenlos regulierbare Klimaanlagen. Mein 20 Jahre altes Hippie-Mobil nicht. In meinem Bulli gab es nur einen Hebel, der neben dem mühlsteingroßen Lenkrad angebracht war. Legte man ihn nach oben, wurde es im Wagen kochend heiß. Legte man ihn nach unten, schweinekalt. Aus Gründen der Mischung schob ich ihn abwechselnd nach unten und oben.
»Die gute Nachricht: Bodenfrost ist heute nicht zu erwarten. Die schlechte: Der Sommer lässt sich weder heute noch morgen bei uns blicken«, sagte der Mann im Autoradio.
»Ist das noch weit?«, fragte mich meine Tochter Janelle zum zehnten Mal, seit wir die Stadtgrenzen Hamburgs hinter uns gelassen hatten.
»Nicht so weit wie nach Südfrankreich. Aber ein bisschen weiter als zu Oma und Opa«, antwortete ich.
»Es ist so langweilig«, schimpfte mein kleines Mädchen.
»Ach, Wölkchen«, sagte ich. »Ich kann es doch gerade nicht ändern. Möchtest du vielleicht einen Keks?« Ich zog den Picknickkorb aus dem Fußraum zu mir heran und kramte beim Fahren neben den Dinkel-Plätzchen noch eine Rolle mit Haushaltspapier heraus.
»Bäh! Die mag ich nicht«, maulte meine Tochter.
Ich wühlte im Korb nach der Prinzenrolle, öffnete sie mit den Zähnen, weil das Aufreißbändchen abgerissen war, und reichte ihr einen Keks.
»Wenn es regnet im Julei, ist der Juni vorbei«, sagte der Mann im Radio und lachte. »Und einen hab ich noch: Sind die Hühner platt wie Teller, war der Traktor wieder schneller.« Er suchte mit seinen Hörern nach den besten Bauernregeln. Reim dich, oder ich hau dich.
»Sind da auch Kinder?«, fragte Wölkchen mit vollem Mund. »Und finde ich da auch Freunde? Mama! Und warum hast du jetzt Scheiße gesagt? Mama, das darf man doch nur in Notfällen sagen, oder?«
»Das stimmt«, sagte ich. Vor dem Rapsöl-Laster war eben ein Trecker eingeschert, der einen Güllewagen hinter sich herzog. Vor mir Kurven. Gegenverkehr. Und Schilder: Fahrbahnmarkierung fehlt. Rollsplitt. Überholverbot. Ich wischte mit einem Stück Haushaltstuch a