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Trau niemals einem Mann, der sich im Haus seines Gastgebers ungefragt ans Kopfende des Tischs setzt.
Der Spruch stammt nicht von mir, sondern von meinem Großvater Cornelius, der seinetwegen praktisch verbannt wurde und in absehbarer Zeit an unserem Tisch nicht mehr willkommen ist. Das Problem dabei war nicht unbedingt, was er gesagt, sondern wen er damit gemeint hat: Richter Crevan, einen der mächtigsten Männer im Land, der trotz Großvaters Bemerkung im letzten Jahr, auch diesmal beim Festessen anlässlich des Tags der Erde wieder ganz oben am Tisch sitzt.
Als Dad mit einer frischen Flasche Rotwein aus der Küche zurückkommt und feststellen muss, dass sein angestammter Platz besetzt ist, ärgert er sich, das sehe ich ihm deutlich an. Aber da es sich um Richter Crevan handelt, hält er lediglich einen Moment inne, spielt mit dem Flaschenöffner und überlegt, was er tun soll. Dann geht er entschlossen um den Tisch herum und setzt sich neben Mum ans andere Ende – dorthin, wo eigentlich Richter Crevan sitzen sollte.
Mum ist nervös, das sehe ich daran, dass sie noch perfekter aussieht als sonst. Auf ihrem perfekt frisierten blonden Kopf tanzt keine Locke aus der Reihe, alles fügt sich ordentlich in den kunstvoll geschlungenen Knoten an ihrem Hinterkopf. Nur sie bewältigt diese Frisur, auch wenn sie sich dabei beide Schultern ausrenken muss. Ihre Haut ist wie Porzellan, sie leuchtet förmlich, ein Inbild der Reinheit. Natürlich ist auch ihr Make-up makellos, ihr kornblumenblaues Spitzenkleid ist perfekt mit dem Blau ihrer Augen abgestimmt, ihre Armmuskulatur makellos straff.
Tatsächlich bewundern viele Menschen Tag für Tag die Schönheit meiner Mutter, denn sie ist ein gefragtes Model. Obwohl sie drei Kinder geboren hat, ist ihr Körper so vollkommen wie eh und je, allerdings vermute oder besser gesagt weiß ich, dass sie sich wie die meisten Menschen dabei schon gelegentlich hat unterstützen lassen. Wenn Mum mal einen schlechten Tag oder gar eine schlechte Woche hat, merkt man es eigentlich nur daran, dass sie mit etwas runderen Wangen, volleren Lippen, einer glatteren Stirn oder ohne Schatten unter den Augen nach Hause kommt. Ihr Äußeres zu verändern tröstet ihre Seele. Bei allem, was mit dem Aussehen zu tun hat, ist sie extrem pingelig, sie beurteilt auch andere nach ihrer Erscheinung und hat meist schon nach einem kurzen prüfenden Blick eine ausgeprägte Meinung von ihrem Gegenüber. Mit allem, was nicht perfekt ist, hat sie Probleme – ein schiefer Zahn, ein Doppelkinn, eine große Nase, so etwas bringt sie dazu, eine Person als solche in Frage zu stellen und ihr mit Argwohn zu begegnen. Damit ist sie allerdings nicht allein, die meisten Leute denken genauso wie Mum. Sie sagt gern, es ist das Gleiche, wie wenn man ein Auto verkaufen will – man wäscht und poliert es vorher gründlich, es muss glänzen. Dasselbe gelte auch für Menschen. Nachlässigkeit im Äußeren sei ein Symbol für den Zustand des Inneren. Auch ich bin Perfektionistin, aber nicht bei Äußerlichkeiten, sondern bei der Sprache und beim Verhalten – was meine Schwester Juniper zum Wahnsinn treibt, denn sie ist in diesen Bereichen überhaupt nicht wählerisch. Obwohl sie die wählerischste nicht wählerische Person ist, die ich kenne. Das muss ich ihr lassen.
Ich beobachte die Anspannung meiner Familie ein wenig von oben herab, denn ich selbst bin kein bisschen nervös. Die Situation amüsiert mich sogar. Für mich heißt Richter Crevan Bosco, und er ist der Vater von Art, meinem Freund. Ich bin jeden Tag bei ihnen zu Hause, war mit ihnen in Urlaub, habe an privaten Familienfesten teilgenommen, also kenne ich ihn wesentlich besser als meine Eltern und die meisten anderen Leute. Ich kenne Richter Crevan, wenn er morgens mit zerzausten Haaren und Zahncremeresten auf der Lippe aus dem Bett kommt. Ich hab ihn mitten in der Nacht völlig verpennt zur Toilette wandern sehen, in Boxershorts und Socken – er trägt immer So