: Miriam Rademacher
: Die Bestie aus den Hügeln Alea Deseo
: Alea Libris Verlag
: 9783945814062
: Alea Deseo
: 1
: CHF 2.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 120
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Heirat zwischen der rebellischen Theda und dem Zigeunerjungen Milan liegt schon einige Jahre zurück. Ihre Kinder sind inzwischen so alt wie sie, als sie sich kennen gelernt haben und könnten unterschiedlicher nicht sein. Als eines ihrer Kinder eine schreckliche Entdeckung macht, wird das Dorf in Aufruhe versetzt.

Aufgewachsen auf einem kleinen Barockschloss in den Tiefen des Emslandes, begann ich früh mit dem Schreiben über alte Gemäuer und ihre Bewohner. 1992 führte mich die Ausbildung zur Tanzlehrerin nach Osnabrück, wo ich noch heute lebe und arbeite. Da der Wunsch, ein eigenes Buch zu schreiben, mich nie richtig losließ, schrieb ich seit 2008 mehrere Romane in verschiedenen Genres.

Kapitel 1


 

 

"Liesbeth! Liesbeth!"

Es war nicht so, als ob Liesbeth die Rufe der Mutter nicht hören konnte. Nichts war lauter an diesem wunderschönen Tag im Spätherbst. Liesbeth saß, die Beine lang ausgestreckt, unter einer Eiche. Den Rücken an den Stamm gelehnt, beobachtete sie, wie die Blätter lautlos ins warme Gras fielen. Vögel zwitscherten, irgendwo muhte eine Kuh. Ja ohne die Stimme der Mutter hätte dieser Augenblick perfekt sein können.

"Liesbeth! Wenn ich dich erwische, hast du ein schmerzhaftes Problem, mein Kind!"

Liesbeth seufzte.  Vorsichtig spähte sie um den Stamm der Eiche herum, in Richtung des elterlichen Hofes. Doch nicht die Gestalt der Mutter, groß und rund, die Hände zu beiden Seiten in die nicht vorhandene Taille gestemmt, war es, die sie aufspringen ließ. Es war der Einspänner des Doktors, der verlassen vor dem Wohnhaus stand.

Eilig rannte Liesbeth den Hügel hinab, übersprang fast elegant einen Weidezaun und kam direkt vor ihrer Mutter zum Stehen. Zur Begrüßung verpasste die ihr eine Ohrfeige.

„Au! Wofür war die denn?“

„Ungehorsam und schlechtes Benehmen. Genau in dieser Reihenfolge.“

„Ich habe nichts Unrechtes getan!“

„Erzähl mir ja nicht, du hättest mich nicht gleich gehört! Und was habe ich dir über das Springen über Zäune gesagt?“

Liesbeth zog die Schultern hoch und presste die Lippen aufeinander. Mit der Mutter zu diskutieren, machte nur selten Sinn.

„Und nun geh in den Keller und bring ein paar Gläser mit eingelegten Kirschen herauf. Marsch, Marsch!“

„Aber das sind unsere letzten Kirschen!“, widersprach Liesbeth.

Der Doktor, in seinem dunkelblauen Gehrock, stand neben der Mutter und drehte verlegen seinen Hut in den Händen. Doch die Mutter fuhr in ihrem herrischen Ton fort.

„Sollen wir den Doktor vielleicht ohne Lohn für seine Arbeit fortschicken?“ Sie wartete keine Antwort ab. „Mach schon, Mädchen! Im nächsten Sommer werden neue Kirschen wachsen.“

Liesbeth protestierte nicht weiter und lief zur Scheune herüber. Unter deren Bodenbrettern verbarg sich ein kleiner Vorratskeller. Dass es Liesbeth war, die die Kirschen holen musste, war nur allzu verständlich. Zu klein war der Raum unter der Erde, als dass die Mutter sich darin noch hätte drehen und wenden können. Liesbeth fragte sich, wie ihre Mutter es schaffte, diese stattliche Figur zu halten. Das Geld reichte hinten und vorne nicht und nun fielen auch die letzten Vorräte der Krankheit des Vaters zum Opfer. Längst konnte Milan den Hof nicht mehr bewirtschaften. Ein Lungenleiden zwang ihn seit Monaten aufs Lager. Davor