1. KAPITEL
Bess Ryland spürte die Blicke des großen Fremden mit dem südländischen Einschlag und wurde unsicher und nervös. Sie kam sich völlig schutzlos vor und registrierte beunruhigt das flaue Gefühl im Magen.
Jetzt reiß dich aber zusammen, ermahnte sie sich insgeheim. Auf deinem eigenen Verlobungsfest solltest du dich wahrlich nicht so von einem anderen Mann in den Bann ziehen lassen.
„Schatz“, flüsterte ihr Bräutigam Tom Clayton ihr da ins Ohr, „wir sollten uns wieder unter die Gäste mischen und die Neuankömmlinge begrüßen.“ Schon ließ er sie los.
Ängstlich umfasste sie seine Schultern, und ihr Blick fiel einen Moment auf den glitzernden Verlobungsring, den er ihr heute geschenkt hatte. „Müssen wir das wirklich?“
Bess wusste, dass sie sich kindisch anhörte und auch so benahm. Es war absolut lächerlich, nicht die Tanzfläche verlassen zu wollen, weil sie sich davor fürchtete, dem gut aussehenden Fremden vorgestellt zu werden, den ihre Schwester Helen zum Fest mitgebracht hatte.
„Natürlich müssen wir das“, antwortete Tom mit einem schiefen Lächeln, während er ihre Hände von seinen Schultern löste. „Heute Abend gehören wir unseren Gästen. Aber es besteht kein Grund, schüchtern zu sein.“ Er klang nicht im Mindesten ungeduldig, doch das war er ohnehin auch nie mit ihr.
Bess kannte ihn bereits ihr ganzes Leben lang. In den vierundzwanzig Jahren hatte er sie immer beschützt und liebevoll geneckt wegen ihrer „Schüchternheit“, wie er es nannte. So sehr, dass sie manchmal dachte, er hätte ihr selbst dann beharrlich eingeredet, ein schüchternes Pflänzchen zu sein, wenn sie der extrovertierteste Mensch der Welt gewesen wäre.
Aber es war zu einfach, zu sagen, sie sei von Natur aus schüchtern und zurückhaltend. Sie hatte nur schon früh gelernt, sich nie in den Vordergrund zu spielen oder zu versuchen, sich ins Rampenlicht zu drängen, in dem ihre Schwester zeitlebens gestanden hatte. Es zahlte sich einfach nicht aus.
Zwei Jahre älter als sie und genauso alt wie Tom, war Helen schon immer die Hübsche und Geistreiche gewesen, diejenige, die es stets verstanden hatte, sich mit Charme, Witz und Verwirrtaktik aus jeder Klemme und jedem Streit in eine für sie vorteilhafte Position zu manövrieren. Sie, Bess, hingegen war immer die Normale, Alltägliche gewesen, die man in Helens strahlender Gegenwart kaum wahrgenommen hatte, und so hatte sie still und leise ihr Leben gelebt.
Unbewusst seufzte sie auf, und Tom legte ihr sogleich einen Arm um die schmale Taille. „Habe ich dir schon gesagt, wie hübsch du heute Abend aussiehst?“
Bess lächelte. Er hatte eher pflichtschuldig geklungen als wirklich beeindruckt. Aber dann kam sie zu der Ansicht, dass sie das Kompliment verdiente. Sie hatte sich nämlich sehr sorgfältig gekleidet, um ihm zu gefallen.
Mit Bedacht hatte sie das schlichte beigefarbene Seidenkleid ausgewählt, wusste sie doch, dass sie damit absolut seinen Geschmack traf. Tom mochte es, wenn sie nett und adrett aussah, das lockige kupferrote Haar hinten ordentlich zusammengesteckt hatte, nur einen Hauch von Make-up und keinen auffälligen Schmuck trug – nur die kurze Goldkette, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hasste jede Form von Extravaganz, weshalb er Helen und ihren Lebensstil wohl auch so entschieden ablehnte.
Und vermutlich verfolgt mich ihr Begleiter deshalb so mit den Blicken, weil er nicht glauben kann, dass ich zu diesem attraktiven blonden Mann gehöre, überlegte Bess unglücklich und rief sich sogleich zur Vernunft. Das war doch völlig unwichtig, und außerdem hatte sie schon öfter solche Reaktionen erlebt. Tom mag mich so, wie ich bin, und nur das zählt, sagte sie sich energisch, während sie ein Lächeln auf ihr Gesicht zauberte und die Glückwünsche der Gäste entgegennahm. Die waren erst eingetroffen, nachdem Tom sie auf die Tanzfläche in der angemieteten eleganten Suite des besten Hotels am Platz entführt hatte.
„Irgendwann in den nächsten zwölf Monaten, vermutlich um diese Zeit, denn wir haben uns praktisch schon entschieden, an Ostern zu heiraten. Natürlich müssen wir zuerst ein passendes Haus finden …“
Noch immer lächelnd, verfolgte sie, wie Tom die unvermeidlichen Fragen nach dem Hochzeitstermin beantwortete, aber dann gefroren ihre Gesichtszüge, denn Helen kam auf sie zu. Ihre Schwester trug ein hautenges goldfarbenes Kleid, das ihre fantastische Figur vortrefflich zur Geltung brachte, und sie hatte ein Lächeln aufgesetzt, das jedes Feuerwerk in den Schatten gestellt hätte.
„Ich freue mich, dass du kommen konntest“, sagte Bess pflichtschuldig, war sich aber keineswegs sicher, ob si