1
Im Pförtnerhaus brannte Licht. Gesine klopfte ans Fenster, aber alles blieb still. Die Gardine war zugezogen, die Tür abgeschlossen. Der Knauf lag kalt in ihrer Hand, feucht vom Morgennebel.
Sie bückte sich und versuchte, unter der Gardine hindurch in die Loge zu spähen. Der Stoff hatte sich auf der Fensterbank verfangen und gab einen Spalt frei. Sie sah die Lampe auf dem Tisch, die Lederhandschuhe daneben, glänzend im Kegel des warmen Lichts. Trotzdem schien die Loge leer zu sein.
»Hallo?«
Keine Antwort. Aber hinter dem Pförtnerhaus entdeckte sie eine frische Spur im Gras. Jemand war zwischen Friedhofsmauer und Loge hin- und hermarschiert. Jemand, der größere Schritte machte als der alte Pförtner.
»Hallo?«
Nichts. Nur eine Taube flatterte aus dem Rhododendron, die Flügel klatschten, dann verschwand der Vogel über den Gräbern.
Jetzt klopfte Gesine energisch. Die Gardine hing in steifen Falten. Ein grober brauner Stoff, der den Lichtschein filterte wie einen dünnen Kaffee.
Sie überlegte, den Schlüssel zu benutzen. Den Universalschlüssel, dessen Existenz man besser nicht an die große Glocke hängte. Aber dann verwarf sie den Gedanken, holte die Tüte mit den Croissants aus dem Pick-up und klemmte sie an den Türknauf. Warum sofort an das Schlimmste denken? Sie war doch nicht mehr bei der Polizei.
Ohne sich noch einmal umzudrehen, fuhr sie weiter Richtung Kapelle. Der Novembernebel hing tief über den Friedhofswegen, zäh zog die Morgendämmerung auf. So dick war die Luft, dass die Kronen der Bäume im Nichts verschwanden. Die Azaleen bogen sich schwer, die Grabsteine wirkten wie nass lackiert, und an den Eiben leuchteten die falschen Früchte, rot wie Positionslichter im Hafen.
Sie öffnete die Seitenscheibe. Es würde noch angenehmer werden, in ein oder zwei Stunden würde die Sonne durchbrechen. Gegen Mittag könnten Hannes und sie sogar picknicken, drüben auf der Bank vor dem Feld der Kindergräber. Ein perfekter Herbsttag, das hatte man im Radio gesagt, und darauf wollte sie sich verlassen.
Als der Betriebshof auftauchte, hielt sie an, um in die Einfahrt zu schauen. Der Parkplatz war leer, die anderen Gärtner waren noch nicht zum Dienst erschienen. Der Bagger stand mi