DIE KAISERLICHEN ELTERN – FRIEDRICH III.UND VICTORIA
Das Elternhaus, in das Wilhelm II. und seine jüngeren Geschwister hineingeboren wurden, galt als ausgesprochen harmonisch. Der 99-Tage-Kaiser Friedrich III. und die Princess Royal Victoria führten eine der wenigen wirklich glücklichen Ehen im europäischen Hochadel des 19. Jahrhunderts. Obwohl es sich bei diesem Bund um eine von langer Hand geplante Heirat handelte, verband den Hohenzollernprinzen und die britische Königstochter tiefe Zuneigung und Liebe, was sich auch positiv auf ihr Familienleben auswirkte.
Ein adeliges Traumpaar
Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere deutsche Kaiser Friedrich III., erlebte im Gegensatz zu seinen eigenen Kindern keine so liebevolle Kindheit. Er wurde am 18. Oktober 1831 als einziger Sohn des Prinzen Wilhelm von Preußen und der Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach in Potsdam geboren. In der bloß aus dynastischen Rücksichten geschlossenen, nicht sehr guten Ehe seiner Eltern trafen zwei völlig konträre Charaktere aufeinander, die keine gemeinsame Basis fanden und es daher später vorzogen, möglichst getrennt voneinander zu leben. Der Prinz wuchs in relativer Distanz zu den Eltern auf, denen er oft nur als Folie diente, vor der sie ihre Animositäten ausfochten. Während seine Mutter liberalen Ideen anhing, vertrat sein Vater erzkonservative Ansichten. Als ältester Neffe des kinderlosen preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. stand Prinz Friedrich Wilhelm seit 1840 an zweiter Stelle der Thronfolge in Preußen. Neben der für einen Prinzen typischen militärischen Erziehung erhielt er an der Bonner Universität eine bürgerlich-liberal angehauchte Ausbildung auf rechts- und staatswissenschaftlichem sowie historischem Gebiet. Er war damit der erste preußische Thronfolger, der eine akademische Schulung vermittelt bekam. Anlässlich der Eröffnung der Weltausstellung in London im Frühjahr 1851 begegneten sich der 19 Jahre alte Prinz und die noch nicht elf Jahre alte englische Prinzessin Victoria zum ersten Mal. Das ungewöhnlich intelligente Mädchen hinterließ offenbar bereits damals schon einen positiven Eindruck bei ihm.
Prinzessin Victoria war am 21. November 1840 im Londoner Buckingham Palast als ältestes Kind der britischen Königin Victoria und des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha zur Welt gekommen. Im Gegensatz zu dem preußischen Prinzen wuchs die Princess Royal in einer fast bürgerlich anmutenden und wesentlich herzlicheren familiären Atmosphäre auf. Das äußerst aufgeweckte und lernbegierige Kind entwickelte sich zum Liebling seines Vaters, der es nach Kräften förderte und für eine umfassende Bildung sorgte. Ihre Erziehung zielte darauf ab, sie zu selbstständigem Denken und Urteilen anzuleiten. Vicky war nicht nur das klügste Kind unter den neun Königskindern, sondern ähnelte wohl auch, was Begabung, Intellekt und Fleiß betraf, am meisten ihrem Vater.
Prinz Friedrich Wilhelm war mit der Princess Royal in brieflichem Kontakt geblieben. Als der gut aussehende Hohenzoller vier Jahre später erneut nach Großbritannien kam, zeigte er sich sehr angetan von der charmanten Prinzessin:„Ohne eine Schönheit in ihr zu finden, bietet sich bei ihrem Ausdruck und anmutigen Zügen ein so angenehmes Gemisch von Kindlichkeit und