Heiner Keupp
Ein Déjà-vu-Erlebnis
Bei Wikipedia kann man nachlesen, dassDéjà-vu „ein psychologisches Phänomen (bezeichnet), das sich in dem Gefühl äußert, eine neue Situation schon einmal erlebt, gesehen, aber nicht geträumt zu haben“. Als ich in das BuchCrazy like us von Ethan Watters hineinlas, hatte ich genau dieses Gefühl: Da erinnert mich ein prominenter Wissenschaftsautor an zurückliegende Debatten und Diskurse, die leidenschaftlich geführt wurden, doch an die sich heute kaum mehr jemand erinnert und von denen die NachwuchspsychologInnen und -psychotherapeutInnen noch nie etwas gehört haben. Die Debatte um Medikalisierung, Klinifizierung oder Psychiatrisierung hat in den 1970er und 80er Jahre die Reformbewegung in der psychosozialen Szene geprägt. Es war ein Aufbruch zu einem neuen Verständnis psychischen Leids und es war ein Ausbruch aus dem paradigmatischen Gehäuse des „medizinischen Modells“. Dieses Modell wurde als ein „stahlhartes Gehäuse“ im Sinne Max Webers verstanden, das irritierendes und verstörendes Erleben und Verhalten biomedizinisch zu erklären versuchte und damit aus dem Lebens- und Erlebniszusammenhang herauslöste. Weil aber die Evidenzen, dass die Belastungen und Verstörungen, die Menschen erleben und erleiden, mit den Anforderungen und Herausforderungen der kapitalistischen Gesellschaft ursächlich verknüpft sind, uns damals so klar erschienen, mussten alternative Sichtweisen entwickelt werden. Und wir waren davon überzeugt, dass ein Krankheitsmodell, das solche Zusammenhänge nicht thematisiert, eine Komplizenschaft mit einem Gesellschaftssystem eingeht, das Menschen ausbeutet und entfremdende Lebensverhältnisse aufzwingt.
Diese professionelle Komplizenschaft mit dem spätkapitalistischen System von Ausbeutung und Herrschaft sollte radikal aufgekündigt werden. Es bestand die gemeinsame Überzeugung, dass eine repressive und auf Klassenunterschieden beruhende Gesellschaft Menschen psychisch und gesundheitlich verkrüppeln muss. In den sozialepidemiologischen Befunden haben wir einen Beleg für das gesehen, was wir als „Klassengesellschaft“ zu benennen gelernt hatten. Am meisten hat mich damals die Tatsache empört, dass die Bevölkerungsgruppen, die per Saldo die höchsten Belastungen mit psychischem Leid erfahren, die schlechtesten Chancen auf adäquate Hilfeformen hatten. Diese Befunde zeigten in harten Zahlen das auf, was Christian von Ferber (1971) die „gesundheitspolitische Hypothek der Klassengesellschaft“ genannt hat.
Nur einbettet in diesen intensiven fachlichen und politischen Kampf um eine angemessene Sicht auf psychosoziales Leid wird verständlich, wie leidenschaftlich die Kontroverse um das „medizinische Modell“ geführt wurde. Eröffnet wurde diese Kontroverse durch einen Aufsatz, den Thomas S. Szasz 1960 im wichtigen Fachorgan der APA (American Psychological Association), demAmerican Psychologist, publizierte. Szasz, psychoanalytisch ausgebildeter Psychiater an der State University of New York, eröffnete eine intensive Diskussion um das bislang vorherrschende Krankheitsmodell in der Psychopathologie. Seine Kritik hatt