»An einem schönen Frühlingstag in tiefe Trauer versunken.« – So hätte ein Maler das Bild betitelt, das sich an diesem Nachmittag auf dem kleinen Dorfplatz bot. Die schon kräftige Sonne schien durch die Äste und Blätter einer mächtigen Eiche. Sie zauberte tanzende Lichtflecken auf die Holzbank, die rund um den gewaltigen Stamm des Baumes führte. Auf dieser Bank saßen Joschi und Ole und taten sich sehr, sehr leid.
Dabei gab es an der Kulisse, die die beiden Männer umrahmte, nichts auszusetzen. Hübsch verputzte Fachwerkhäuschen duckten sich unter Reetdächern. Die geharkten Wege davor wurden von kleinen Beeten mit wunderschönen Blumen gesäumt. Einmal schlich eine Katze träge vorbei, und in den Hecken und Büschen zwitscherten unzählige Vögel aufgeregt um die Wette.
»Was soll jetzt nur werden?« Joschi seufzte und streckte seine langen Beine aus. Sie waren ebenso dürr wie alles andere an dem hoch aufgeschossenen Mann, der einst sogar zwei Vornamen und einen Nachnamen hatte, an die sich jedoch niemand mehr erinnerte.
Joschis Gesicht war hager und zerfurcht und wurde durch seine große, scharf gebogene Nase geprägt. Das lag auch daran, dass diverse rote, geplatzte Äderchen diese Nase durchzogen.
»Keine Ahnung«, brummte Ole. Das war für den untersetzten Norddeutschen eine relativ ausführliche Antwort. Ole, dessen Nachname in seinem jetzigen Leben ebenfalls keine Rolle mehr spielte, war so wortkarg wie Joschi redselig. Vielleicht passten die beiden Freunde deshalb so gut zusammen.
Die meisten Dorfbewohner würden allerdings sagen, dass Joschi und Ole in erster Linie die ausgeprägte Vorliebe für Bier und kleine Schnäpse einte. Dieser Vorliebe hätten sich Joschi und Ole auch gern hingegeben. Doch der »Dorfkrug«, die einzige Schankwirtschaft weit und breit, hatte seit drei Wochen geschlossen.
»Im Angesicht der versiegten Quelle verdurstet«, murmelte Joschi. »Das wird unser Schicksal sein.«
»Jo«, gab Ole düster zurück und blies resigniert die Wangen auf, was sein rundes Gesicht noch runder erscheinen ließ.
Die versiegte Quelle selbst, ein ebenso hübsches Fachwerkhaus wie alle anderen Gebäude am Dorfplatz, lag im Sonnenschein, als ginge sie das alles nichts an. Der weiße Putz des »Dorfkruges« leuchtete unter dem vor wenigen Jahren erneuerten Reetdach. Die Butzenscheiben der Fenster glänzten, als habe der Wirt sie erst vor wenigen Minuten poliert.
Tatsächlich war es jedoch länger her, dass sich dieser Wirt zuletzt um sein Lokal gekümmert hatte. Vor drei Wochen hatte Gregor Haltermann im Alter von einundsiebzig Jahren mitten bei der Arbeit einen Herzinfarkt erlitten. Er war hinter seinem Tresen im »Dorfkrug« verstorben, noch bevor die von Joschi un