Kapitel eins
Jojo
Behutsam klopfe ich das Blech des quietschrosa VW-Busses ab und brumme: »An einigen Stellen ist das Teil aber ganz schön verrostet!« Meine Stimme klingt auch irgendwie rostig. Sie passt zu mir. Wenn man nicht ganz so genau hinsieht, könnte man mich glatt für einen Kerl halten.
Das ist auch der Sinn der Sache. Wenn eine Frau allein unterwegs ist, um ein Auto zu kaufen, wird sie meistens über den Tisch gezogen. Mein Chef von der Tankstellen-Werkstatt, in der ich arbeite, sagt das und verkauft seine Gebrauchtwagen am allerliebsten an alleinstehende Frauen.
»Na ja, was willst du bei dem Preis denn auch erwarten?« Der hagere Kerl mit den schmierigen Haaren bohrt sich in der Nase herum.
»Wie viele Kilometer hat sie denn runter?« Für mich steht außer Frage, dass der Bus weiblich ist.
»Sie?« Der Gebrauchtwagenhändler lacht krächzend und niest in ein Stofftaschentuch, das er kurz vor knapp aus seiner Hosentasche gezerrt hat. Ich hätte nicht gedacht, dass heute überhaupt noch jemand Stofftaschentücher verwendet, geschweige denn einer in ’nemMetallica-T-Shirt.
»Ja,sie«, murmele ich und fühle mich ertappt. Meine Halsschlagader beginnt augenblicklich zu pochen. Feiner Nieselregen sickert in den Kragen meiner Lederjacke.
Ich bin kein Regenjacken- und auch kein Schaltyp, aber in diesem Moment hätte ich gerne beides – schon allein, um mich vor der nächsten Niesattacke dieses anzüglich grinsenden Verkäufers in Sicherheit zu bringen.
»Hundertzwanzigtausend!« Mister Metallica niest schon wieder volles Rohr, aber diesmal direkt auf den Boden zwischen meine Stiefel. Ein paar Rotztröpfchen perlen wie in Zeitlupe an den Lederschäften ab.
»Hundertzwanzigtausend? Dann ist der Tacho aber schon mindestens zweimal auf Null zurückgedreht worden!« Fest schließe ich meine Finger in der Jackentasche um ein zusammengedrücktes Päckchen Tabak, um mich an irgendetwas festzuhalten.
»Oh, hört, hört. Da haben wir jemanden vom Fach!«, räuspert sich der Autohändler. Die Cordhose, die ihm um die Beine schlottert, ist an den Knien ganz dünn und der Kerl riecht muffig. Das kann nicht daran liegen, dass er schwitzt. Im Gegenteil: So wie er hier im Shirt im Regen steht, friert er bestimmt. Trotzdem kann ich mich nicht dazu überwinden, Mitleid mit dem Mann zu empfinden.
»Ja, Herr Kollege«, sage ich spöttisch und zucke mit den Achseln. Ich frage mich, was er machen würde, wenn ich jetzt auch direkt neben seinen Füßen auf den Boden rotzen würde.
»Also, Lady, willst du die Schüssel nun oder nicht? Du bist doch ’ne Lady, oder?«
Misstrauisch mustert er mich von oben bis unten, zieht mich mit Blicken aus und scheint mit dem, was er sieht, nicht sehr zufrieden zu sein.
»Fünfhundert Tacken sind nicht zu viel, wie viele Kilometer auch immer das Teil da runter hat«, lacht er dreckig, während er sich mit Daumen und Zeigefinger tief in seinem linken Nasenloch wühlt, als sei da ein Schatz vergraben.
»Mhhh«, mache ich und luge skeptisch unter das Ungetüm. An der Tankstelle habe ich gelernt, wie Autos von unten aussehen müssen. Bei diesem Exemplar lässt sich das allerdings nur erahnen, weil der vorherige Fahrer offenbar eine Vorliebe fürDownhill-Rennen durch metertiefen Matsch gehabt hat.
»Wasmhhh? Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!« Dabei wirkt Mister Metallica alles andere als gestresst und aus dem kleinen Wohnwagen, in dem sich das Büro seines Gebrauchtwagenhandels befindet, dröhnt der Fernseher in voller Lautstärke. Die Erkennungsmelodie von »Ein Colt für alle Fälle« mischt sich unter das ungeduldige Schnaufen meines Geschäftspartners. Das habe ich ewig nicht mehr gesehen!
»Okay, ich nehm’s.« Ich krame die fünf Scheine aus meiner Potasche. Die Luft um mich herum riecht immer strenger nach dem Typen.
Ein anderes Auto hätte ich mir gar nicht leisten können.
»So einen wie diesen findet man kein zweites Mal. Der ist sogar schon angemeldet. Das mit der Ummeldung schicke ich per Fax los, sobald du den Hof verlassen hast.« Metallicas Grinsen entblößt eine braune und eine extrem weiße Zahnreihe. Beim Bleeching scheint etwas schiefgegangen zu sein.
»Ja«, hauche ich resigniert. Witzig ist allein die Tatsache, dass ich gestern im Vorbeilaufen genau das Gleiche gedacht habe: So einen wie diesen Bus findet man wirklich kein zweites Mal!
Der Motor rumpelt, eigentlich der ganze Wagen, als die Karre sich beschwerlich in Bewegung setzt. Stolz rumpele ich darin vom Hof.
Bei mir zu Hause lege ich einen kleinen Zwischenstopp ein, um meinen Schlafsack, meine Reisetasche und ein paar Decken zu holen. Es ist niemand daheim.
Der zähe Klumpen, zu dem sich mein Herz seit Wochen immer wieder zusammenzieht, rumpelt etwa im gleichen Takt wie mein neues Gefährt. Meine neue Gefährtin. Ich schätze, bei mindestens einer von uns beiden ist demnächst ein Ölwechsel fällig.
Die Reifen rotieren über die rutschige Straße. Aufgeregt taste ich nach dem Radio. Zu diesem alten Auto gehört definitiv auch alte Musik. Der ganze Chart-Mist geht mir ohnehin auf die Nerven.
»I’m on a highway to hell … highway to hell …« Es schnarrt zwischen den Zeilen.
Die Mucke passt und nach Hölle riecht das, was aus dem Auspuff kommt, allemal. Pech und Schwefel ziehen in einer dichten Rußwolke hinter mir her.
Das Handy in meiner Brusttasche vibriert nur knapp am Takt vorbei. Als ich fluchend danach taste, kommt der Wagen ins Schlingern.
»Hi!«, brülle ich gegen die Musik an und zerre am Steuer.
»He, Jojo. Was machst du gerade?« Leos Stimme hört sich abgehackt an. »Bist du in einer Disco oder so?« Sie ist meine beste Freundin, seit wir beinahe noch Kinder gewesen sind.
»Nein, auf der Straße zur Hölle«, murmele ich. Zum Glück fährt die Karre wieder geradeaus.
»Was?! Ich meinte,wie bitte?! Ich verstehe dich nicht!« Leo brüllt so laut in mein Ohr, dass jede einzelne Silbe beinahe mein Trommelfell zum Platzen bringt.
»Ich habe mir soeben ein Auto gekauft. Den coolen alten VW-Bus, von dem ich dir gestern erzählt habe.« Automatisch drehe ich das Radio leiser.
»Was? Hast du deinen Führerschein schon?«, fragt Leo. Ihre sich überschlagende Stimme fügt sich beinahe perfekt in das Gitarrenspiel von Angus Young ein.
»Na ja.« Mir klingeln die Ohren, weil das Thema Fahrerlaubnis einen wunden Punkt in meinem Gehörgang berührt.
Einen Führerschein habe ich lange Zeit nicht machen dürfen, weil ich in meiner Jugend die eine oder andere Spritztour mit der einen oder anderen Karre, die definitiv nicht meine gewesen ist, unternommen habe. Und das meistens mit meiner besten Freundin Leonie, kurz Leo genannt, die heute in einer WG mit zwei Jungen, Martin und Tobi, und einem Mädchen namens Lana lebt.
»Ähm«, räuspere ich mich. »Ja, den habe ich letzte Woche mit der Post bekommen und dann gleich Urlaub beantragt, um mit diesem Schätzchen hier … eine oder zwei Wochen auf der Straße zu verbringen. Jetzt, wo der Winter sich langsam verabschiedet.«
»Du machst wohl keine halben Sachen, was? Bist du sicher, dass diese ganze Autogeschichte nichts mit einer gewissen Frau zu tun hat?«, neckt Leo mich. Im Hintergrund zischt und blubbert ihr Wasserkocher wie ein Geysir.
»Mhhh, klar!« Ich bin mir sicher, dass ich eine Weile brauche, um meinen Kopf frei zu bekommen. »Hey, ich muss einfach mal raus. Eine Wocheon the road oder vielleicht zwei. Sag mal, wie geht’s ihr denn?«
»Wem genau?«, fragt Leo scheinheilig, obwohl sie ganz genau weiß, wem. Nur mühsam kann ich dem Impuls widerstehen, einfach auf den Ausknopf am Handy zu drücken.
»Ffff!« Ich atme mit hörbarem Zischen aus. »Na, dieser Frau eben. Hab sie seitdem nicht mehr gesehen.«Seitdem ist jetzt drei Wochen und drei Tage her und fühlt sich an wie exakt dreiunddreißig Sekunden. Und wie irgendwie verkehrt verliebt. Seitdem bin ich ziemlich oft verklebt unter den Augenlidern.
Diese Frau ist die Freundin einer anderen. Trotzdem hat sie mit mir geschlafen. Alles ist so klar wie Kloßbrühe, nur der Stein in meinem Magen nicht, denn der kullert hin und her, rollt über mein Frühstück und zermalmt es zu Brei. Schwarzer Kaffee mischt sich ungnädig mit matschigem Schokocroissant.
»Geht ihr ganz gut. So weit. Der Gips kommt in zwei bis drei Wochen runter. Sie wird also schon bald wieder ohne Krücken laufen können. Aber ich schätze, das meintest du nicht, oder?« Leo weiß durchaus, dass sie recht...