Erstes Kapitel:
ABSCHIED
Das war doch kein Blut? Greta streckte die Hände aus und schaute sie genau an. Dann drehte sie sie um und untersuchte die Handflächen, hielt sie dicht vors Gesicht. Man wusste ja nie. In diesen Handlinien konnte sich etwas festsetzen oder zwischen den Fingern, in den kleinen Falten an den Gelenken. Immer wieder drehte sie die Hände um und starrte sie an. Diese rosige Farbe, könnte die nicht auf etwas Verdächtiges hindeuten?
Der Mann mit dem kaputten Gesicht, der neben ihr auf dem Kutschbock saß, schnalzte mit der Zunge. »Was gibt’s denn da zu sehen? Stimmt was mit Ihren Händen nicht, Fräulein?«
»Oh … da ist nichts.« Greta schob ihre Hände hastig in die Manteltaschen. Der Stoff fühlte sich rau und kratzig an. Vielleicht lag es auch daran, dass ihre Haut nach dem vielen Waschen empfindlich geworden war.
»Wenn ich so schöne Hände hätte, würde ich sie vielleicht auch andauernd anstarren«, sagte der Mann mit dem kaputten Gesicht.
»Vielen Dank«, erwiderte Greta leise und schaute sich um. Abgeerntete Felder, dazwischen Wiesen, hier und da Gerüste mit Heu zum Trocknen.
»Ich hab keine Spiegel mehr zu Hause«, sagte der Mann. »Musste immer weinen, wenn ich hineingeschaut habe. Hab sie alle abgehängt. Sogar zerschlagen. Und dabei nicht bedacht, dass jeder Mensch dem anderen ein Spiegel ist. Ich sehe es in ihren Augen. Das trifft mich immer wieder hart. Deswegen bin ich froh, dass ich meistens nur mit meinen Pferden zu tun habe.« Er ließ die Peitsche knallen, als der Braune langsamer wurde. »Denen ist es wohl egal, wie ich aussehe. Wer weiß schon, was ein Pferd sieht, wenn es einen Menschen anschaut.«
Er griff in die Innentasche seiner zerschlissenen Uniformjacke. Da, wo mal die Rangabzeichen aufgenäht gewesen waren, konnte man noch die losen Fäden sehen. Er holte die Schnapsflasche hervor. Nahm einen großen Schluck, stöhnte auf und steckte sie wieder ein.
»Wer mich zum ersten Mal anguckt, kriegt es meist mit der Angst zu tun. Das hab ich schon tausendmal erlebt. Nur bei Ihnen, Fräulein, da war das anders. Sie sahen aus, als wären Sie froh, mich zu sehen, also das hier.« Er tippte mit dem Zeigefinger gegen seine verunstaltete Gesichtshälfte und fügte leise und mehr zu sich selbst hinzu: »Hab ich noch nie erlebt … dass jemand erleichtert war, meine Fratze zu sehen …« Und lauter sagte er: »Sie sind ein Phänomen, Fräulein, ein Phänomen.« Er griff erneut in die Jackentasche und nahm einen Schluck aus der Pulle.
Ja, dachte Greta, er hat recht, ich bin wirklich ein Phänomen.
Der Kopf des Kutschers sank herab, und er ver