Eigentlich war Maria Brandtner hundemüde, und sie hätte gerne ein wenig geschlafen, doch sie konnte ihre Augen nicht von dem faszinierenden Ausblick lassen, der sich vor dem Fenster des Waggons bot: Der Lago Maggiore lag im Sonnenschein, gesäumt von kleinen Dörfern und Residenzen, deren ziegelrote Dächer im italienischen Baustil manchmal hell zwischen den Pinien und vereinzelten Zypressen hervorschimmerten.
Die Piemonteser Berge waren hier noch recht niedrig, wurden aber allmählich höher, seit der Zug den Bahnhof von Arona verlassen hatte und den Kurven des Seeufers und der Straße folgte.
Es war wirklich ein Traum: Maria hätte nie gedacht, dass sie den Schönheitswettbewerb gewinnen würde und sich dann diese fantastische Reise leisten konnte. Sie selbst hielt sich nicht für schön, sondern gerade mal für recht hübsch.
Aber die Jury war anderer Meinung gewesen, und Maria hatte ihren Ohren nicht getraut, als das Ergebnis im prächtigen Herkules-Saal der Münchner Residenz verkündet worden war.
„Die schönste Münchnerin des Jahres ist heuer: Maria Brandtner aus Untermenzing!“
Unter dem tosenden Beifall der Anwesenden war sie im Blitzlichtgewitter auf die Bühne gekommen, hatte sich in ihrem feschen Modellkleid präsentiert und sich immer wieder verbeugt, Blumen entgegengenommen, ins Publikum gelächelt und ihre Preise fast beiläufig empfangen: einen Einkaufsgutschein über fünftausend Euro, einzulösen in Mailänder Modeboutiquen, sowie einen Reisegutschein über weitere fünftausend Euro.
Damit hätte sie nach Kenia fliegen können oder auf die Seychellen, sogar bis nach Australien. Doch Maria Brandtner hatte einen Traum, und sie war jetzt auf dem Weg, ihn sich zu erfüllen.
Ein Räuspern riss sie aus ihren Träumen. Ein älterer Herr, der ihr gegenübersaß, vielleicht siebzig, in vornehmes englisches Harris-Tweed gekleidet, deutete nach draußen.
„Die Borromäischen Inseln“, sagte er. „Da drüben, das, was wie ein Schiff aussieht, ist die Isola Bella – mit dem Schloss als Verdeck, der oberen Terrasse als Kommandobrücke und den herrlichen Gärten als Decks. Waren Sie schon einmal dort?“
Maria Brandtner schüttelte den Kopf.
„Ich bin zum ersten Mal in dieser Gegend“, gab sie zu. „Und Sie?“
„Ich war bereits hier, vor vielen Jahren“, erwiderte er in seinem ausgezeichneten Deutsch, das er mit stilvollem englischem Akzent sprach. „Ich war Arzt, bin jetzt aber pensioniert. Nun mache ich die Hochzeitsreise noch einmal, die ich mit meiner Frau vor fünfzig Jahren unternommen habe – leider lebt sie nicht mehr. Sie fahren sicher nach Lausanne, nicht wahr? Ich werde in Brig aussteigen, weil ich dort den Zug nach Zermatt nehmen will.“
„Oh, dann werd