: Elaine Winter
: Ein Nachbar zum Frühstück Digital Edition
: Cora Verlag
: 9783733786434
: Digital Edition
: 1
: CHF 2.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 128
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Wie erkennt man Mr. Perfect? Mit dem Männertest! Ob Jolanthes neuer Nachbar David den besteht? Kaum hat sie sich auf ein prickelndes Liebesabenteuer mit ihm eingelassen, trifft er sich plötzlich mit anderen Frauen. Ist sie einem eiratsschwindler ins Netz gegangen?



Elaine Winter wurde in Hannover geboren und studierte Anglistik und Germanistik, nachdem sie eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert hatte. Von frühster Kindheit an hätte sie, vor die Wahl gestellt, eine Geschichte jeder Süßigkeit vorgezogen. Bevor sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben und Übersetzen zum Beruf machte, war sie im Kunsthandel, im Verlag und in der Werbung tätig

1. KAPITEL

Wie meistens, wenn sie abends ausgehen wollte, war Jolanthe ein wenig zu spät dran und dennoch wild entschlossen, pünktlich zu sein. Nach einem letzten Blick in den Spiegel schlüpfte sie hastig in ihre Jacke, griff nach Tasche und Schlüsselbund, kurvte schwungvoll um einen der noch nicht ausgepackten Umzugskartons im Flur und trat aufatmend hinaus ins Treppenhaus. Immerhin hatte sie noch mindestens zehn Minuten Zeit für den Weg ins „Casanova“.

Erst als sie bereits die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, bemerkte Jolanthe die weinende Frau. Die hübsche, zierliche Blondine lehnte neben der gegenüberliegenden Wohnungstür an der Wand und schluchzte leise vor sich hin. Über ihre Wangen liefen Sturzbäche von Tränen, gegen die ihre Fingerspitzen und auch der Handrücken, der gelegentlich zum Einsatz kam, nicht viel ausrichten konnten.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, erkundigte Jolanthe sich unsicher.

Die blonde Frau schüttelte den Kopf und weinte noch heftiger.

„Wohnen Sie hier? Haben Sie vielleicht Ihren Schlüssel ver…“ Jolanthe stockte. Keine erwachsene Frau heulte sich die Augen aus dem Kopf, nur weil sie ihren Schlüssel verloren hatte.

„Es geht um einen Mann, nicht wahr?“ Mitfühlend betrachtete Jolanthe die traurige Frau.

Dieses Mal war ein Nicken die Antwort.

Natürlich! Mit einem tiefen Seufzer kramte Jolanthe ein Päckchen Papiertaschentücher aus den Tiefen ihrer Handtasche und reichte es der Frau.

„Die Männer sind es nicht wert, glauben Sie mir! Jedenfalls die meisten von ihnen nicht.“ Obwohl sie sich selber darüber wunderte, war Jolanthe mit ihren achtundzwanzig Jahren und trotz einiger übler Erfahrungen noch nicht bereit, die Hoffnung auf die große Liebe völlig aufzugeben. Vielleicht geschah ja eines Tages ein Wunder und plötzlich stand vor ihr – der Mann, der weder egozentrisch noch unsensibel und schon gar nicht lieblos war, sondern von allem genau das Gegenteil und noch ein bisschen mehr.

In diesem Moment öffnete sich die Wohnungstür neben der Blondine, und ein Mann betrat die Bildfläche. Sobald die Frau ihn sah, schluchzte sie noch einmal herzzerreißend auf und zog dann mit zitternden Fingern ein Taschentuch aus dem Päckchen, um sich vorsichtig die Augen abzutupfen.

Jolanthe schnappte nach Luft. Jetzt versuchte diese arme, irregeleitete Frau auch noch, dem Mann, der offenbar schuld an ihrem Elend war, den Anblick ihrer Tränen zu ersparen!