1. KAPITEL
Es war ein ausgesprochen schönes Büro mit weißen Wänden und großen Schallschutzfenstern, die den Lärm des Straßenverkehrs schluckten. Die Einrichtung war aus blau und gelb gebeiztem Holz. Auf einer Seite des Raumes befand sich eine blaue Tür – wahrscheinlich führte sie in das Büro ihres neuen Chefs –, auf der anderen Seite stand ein gelber Garderobenständer, an dem sie ihren Regenmantel aufhängte. Danach blieb Ferry ganz ruhig stehen. Angestrengt dachte sie nach. Nachdem sie sich entschieden hatte, setzte sie sich schnell an den Schreibtisch, nahm den Telefonhörer ab und wählte.
“Angela?”
“Hallo, Ferry! Alles in Ordnung? Du gehst doch hin, oder?”
“Ich bin schon da.”
“Es ist doch erst acht Uhr. Ich habe mich noch nicht einmal angezogen.”
“Du weißt doch, wie überrascht sie immer sind, wenn sie merken, wie früh ich mit der Arbeit beginne … Die Busfahrt war auch kürzer als ich dachte. Aber ich bleibe nicht.”
“Aber …”
“Kein Aber. Du hast mir ein Reisebüro versprochen. Wir haben jetzt schon Mitte April. Wenn ich vor der Hauptsaison nach Kreta kommen will, muss ich jetzt da sein, wo es billige Flüge gibt, und mich nicht mit Rechnungen für Pfefferstreuer herumschlagen.”
“Pfefferstreuer?”
“Angela, das ist keine Reiseagentur. Du hast mich angelogen.”
“Habe ich nicht. Ich habe nur gesagt, dass diese Stelle genau das ist, wonach du suchst.”
Ferry seufzte. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn sie sich diesen Anruf hätte ersparen können. Jetzt, da es so weit war, wünschte sie sich, Angela würde es ihr nicht noch schwerer machen.
“Bis zur Mittagspause. Du hast Zeit bis halb eins, um mir eine Stelle in einem Reisebüro zu verschaffen”, sagte sie und runzelte die Stirn, in der Hoffnung, dass ihre Stimme dadurch bestimmter klang. “Keine Minute später, sonst gehe ich zur nächsten Zeitarbeitsvermittlung und lasse sie in den Genuss meiner unerschütterlichen guten Laune kommen.”
“Aber …”
“Bis zur Mittagspause. Abgemacht?” Sanft legte sie den Hörer auf. Ferry seufzte erleichtert auf. Es musste einfach sein – sie musste diesen Urlaub haben – schon bald. Es war schon alles geplant. Wenn sie eine Woche in Kreta verbringen, in der Sonne liegen, die Sehenswürdigkeiten ohne die üblichen Touristenschwärme besichtigen könnte, würde sich alles fügen. Sie schloss die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, stellte sie fest, dass sie von einem großen Mann beobachtet wurde, der auf der Schwelle der jetzt offenen blauen Tür stand. Ein großer, erstaunlich gut aussehender Mann mit honigfarbenen Augenbrauen, der sie finster betrachtete.
“Hallo”, sagte sie freundlich und hoffte, er würde noch nicht allzu lange dastehen. “Ich bin Miss Lyon. Von der High-Temp-Agentur.”
“Und Ihre gute Laune ist durch nichts zu erschüttern?”, fragte er brummig.
Oh nein. Er war schon lang genug da … Ferry bemühte sich, Haltung zu bewahren. Sie lächelte und zeigte ihre schöne weiße Zahnreihe. “Genau. Und Sie sind …?”
“Stefan Redwell. Unheimlich reizbar.” Das war kein Scherz. Irgendetwas in seiner tiefen, vollen Stimme brachte dies ganz deutlich zum Ausdruck.
Sie schluckte. Sie hatte sich in Schwierigkeiten gebracht …
“Ich beglückwünsche Sie, Mr. Redwell”, begann sie vorsichtig, “zur Wahl Ihres Telefons. Es war eine Freude, es zu benutzen. Diese altmodischen Telefone haben genau das richtige Gewicht. Sie rutschen nicht auf dem Tisch herum. Was für eine tolle Idee, sie an das moderne Digitalsystem anzupassen.”
“Miss Lyon …” Seine Stimme bewies, wie reizbar er war. “Sie scheinen mich für einen Narren zu halten. Sie täuschen sich.”
“Ja, Sir.” Sie biss sich auf die Lippe. Im Zweifelsfall immer zustimmen.
“Kenne