2. KAPITEL
Die Blondine verbreitete beim Hereinkommen eine Wolke von Parfümduft. „Küsschen, Küsschen“, sie hielt ihre geschminkten Wangen in Colbys Richtung, setzte das Baby auf den Boden, strich sich das zerdrückte Nerzrevers glatt und schaute sich in Colbys Wohnung um, als betrachte sie einen Heuschober. „Das ist also dein kleines Nest, ja? Wie rustikal. Mutter wäre entsetzt.“
Colby spürte sogleich wieder den vertrauten Druck im Nacken. „Was machst du hier, Olivia?“
„Seit wann brauche ich einen Grund, um meinen Lieblingsbruder zu besuchen?“
Colby gab sich keine Mühe, zu betonen, dass er ihr einziger Bruder war, schloss die Tür und betrachtete seine Schwester. Zuletzt hatte er sie vor sechs Jahren gesehen, als sie bei der Beerdigung ihres Onkels einen Tobsuchtsanfall bekam, weil der alte Herr sie nicht im Testament bedacht hatte.
„Lass den Quatsch, Olivia, du würdest nicht mal den Papst an seinem Totenbett besuchen, es sei denn, es gibt dort etwas für dich zu holen.“
Sie schürzte die roten Lippen vorwurfsvoll. „Sei nicht so uncharmant, mein Lieber, ich dachte, du würdest deine Nichte gern kennenlernen.“
„Nichte?“ Sein erstaunter Blick ging zu dem blondgelockten Bündel, das gerade auf seinen makellosen weißen Teppich sabberte. „Das ist dein Kind?“
„Süß, nicht?“ Sie machte eine Bewegung mit ihrer manikürten Hand. „Megan, Schatzi, sag deinem Onkel Colby guten Tag.“
Megan blinzelte, stopfte eine Faust in ihren feuchten Mund und stieß einen ärgerlichen Laut aus. Das und der Schleim, der aus dem winzigen Näschen rann, minderten Colbys Begeisterung beträchtlich.
Olivia sah sich genervt um. „Der kleine Vielfraß ist vermutlich wieder hungrig.“
Colby konnte es noch immer nicht fassen, dass seine eitle, gierige Schwester sich nun in eine fürsorgliche Mutter verwandelt haben sollte. „Das Kind ist adoptiert, oder? Du hast es doch nicht geboren?“
„Allerdings habe ich das. Es war die ekelhafteste Erfahrung meines Lebens.“ Olivias Nerzmantel ging auf, sodass ein glänzendes rotes Etuikleid sichtbar wurde, das ihre makellosen Kurven betonte. „Meine Figur ist ruiniert, selbst der beste Schönheitschirurg in Brentwood konnte sie nicht wieder hinkriegen.“ Sie betrachtete sich von oben. „Ich sehe noch immer wie eine Bäuerin aus.“
Da Olivia ohnehin nur die eigene Meinung interessierte, zog Colby es vor, nichts zu sagen.
Inzwischen steigerte sich Megans Greinen in ein unmutiges Geheul, das beinahe den Krach im Hausflur übertönte.
Colby wollte sich gerade dem Geräusch widmen, als Olivia ihn am Arm packte und nervös lachte. „Ach, ich Dumme, ich habe etwas für Megan im Wagen vergessen.“ Sie rauschte um ihren Bruder herum zur Tür. „Nein, nein“, sagte sie zu Colby, der ihr folgen wollte, „ich bin gleich wieder zurück. Sei so nett und passe kurz auf das Baby auf, ja? Sie krabbelt schon, weißt du.“
Erschrocken nahm Colby wahr, dass das Kind sich mit alarmierender Geschwindigkeit in Richtung Büro bewegte. Gerade schaffte er es noch, die Tür zu schließen.
Zornig setzte die Kleine sich auf, ihr Gesicht lief rot an, und sie stieß ein durchdringendes Kreischen aus.
„Meine Güte, Olivia, tu doch was! Sie brüllt ja das ganze Haus zusammen! Olivia …?“ Colby starrte in den leeren Flur und brauchte eine Weile, bevor er begriff, dass seine Schwester schon weg war. Nervös beugte er sich zu dem Kind hinunter und sagte: „Hey, hey, ist ja gut, deine, äh, Mutter ist ja gleich wieder da.“
Megan schluchzte noch einmal und rieb sich die Augen.
Vorsichtig tätschelte Colby der Kleinen den Kopf und war ganz überrascht darüber, wie weich sich das Haar anfühlte. Noch nie hatte er ein