1. KAPITEL
Santa Rosa, El Tigre – Südamerika
Die Blondine betrat diecantina, als ob ihr der Laden gehörte, und zog sofort Finn Kavanaghs ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich. Den ganzen Nachmittag hatte er sich treiben lassen, und jetzt war er froh, dass das Schicksal ihn hierhergeführt hatte.
Er war erst vor gut einer Dreiviertelstunde in der Hauptstadt des kleinen südamerikanischen Landes eingetroffen. Nach den üblichen Strapazen einer langen Reise hatte er eigentlich gleich in das Hostel fahren wollen, das ein Lieferant von Kavanagh Construction ihm empfohlen hatte. Doch als er das stets in Bewegung befindliche Netzwerk von Gondeln über sich bemerkt hatte, hatte er spontan seinen Rucksack über die Schulter geworfen und sich lieber auf die Suche nach der nächsten Seilbahnstation begeben.
Auf der Fahrt zum Gipfel des irrsinnig steilen Bergs im Norden genoss er die Vogelperspektive auf die geschäftige Stadt im Tal. Bergansichten aus jeder Perspektive und ein Fluss, der die Stadt in zwei Teile spaltete, boten einen so spektakulären Anblick, dass er nach seiner Kamera griff. Doch je höher die Gondel zur Endstation stieg, desto heruntergekommener wurden die Viertel darunter. Baracken standen dicht an dicht in der Ebene, und den zusammengeschusterten Dächern nach zu urteilen, waren sie aus Materialien erbaut, die ihre Bewohner irgendwo zusammengeklaubt hatten. Weitere klapprige Behausungen, gestützt von brüchigen Pfeilern, wuchsen aus den grünen Hängen. Aus Finns Perspektive wirkte die Gegend verarmt.
Die Frau, die jetzt durch die Tür in den Gastraum kam, war hingegen purer Luxus. Er runzelte die Stirn, denn eigentlich war das übertrieben. Aber ein Augenschmaus war sie allemal.
Dabei konnte er gar nicht sagen, was genau es war, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Klar, sie war hübsch, aber nicht sein Typ. Na ja, eigentlich hatte er gar keinen Typ. Doch auf Punkmädchen hatte er bisher nie gestanden.
Und das war sie definitiv. Die Haare an den Seiten trug sie glatt und blond, oben auf dem Kopf hingegen lange dunkle Zotteln, dazu ein Pony, der fast die Augenbrauen verdeckte. Nicht gerade ein Look, von dem er sich normalerweise angezogen fühlte, doch irgendetwas an ihr weckte sein Interesse.
Und er hatte bei Gott keine Ahnung, was.
Sie war durchschnittlich groß, blauäugig, blond, aber Himmel, er war vierunddreißig – er kannte reichlich Frauen, auf die diese Beschreibung zutraf. Er konnte nicht behaupten, viele Blondinen gesehen zu haben, seit er in diesem Teil der Welt angekommen war, aber das war ja auch erst eine knappe Stunde her. In seiner Heimatstadt Seattle waren sie jedenfalls nichts Besonderes. Und obwohl die Unbekannte eine gute Figur hatte, war sie kein Vegas-Showgirl.
Vielleicht war es die Energie, die sie ausstrahlte, als umgebe sie eine rote Aura. Oder ganz allgemein ihre Ausstrahlung, denn sie vermittelte den Eindruck, als würde sie sich auskennen. Und mehr konnte ein Mann kaum verlangen, oder? Er nippte an dem kalten Bier, das er bestellt hatte, lehnte sich zurück und beobachtete, wie sie an die Bar ging. Er machte keinen Hehl daraus, dass er lauschte, während sie einen Drink bestellte.
Nicht dass es ihm etwas nützte. Sie sprach ein schnelles, maschinengewehrartiges Spanisch.
Okay, Sprachbarriere. Das war irgendwie ernüchternd. Er wusste nicht, warum er sie für eine Amerikanerin gehalten hatte. Vielleicht lag es an der hellen Haut und dem blonden Haar in einem Raum voller dunkelhäutiger, dunkelhaariger Menschen. Oder an den Cargo-Shorts und den doppelten Tanktops oder der Schultern-zurück-Brust-raus-Haltung. Was es auch war, ihr Spanisch war fließend und ohne amerikanischen Akzent. Er war zwar kein Experte, aber er war sich sicher, dass es ihre Muttersprache war und ziemlich wahrscheinlich auch die einzige, die sie sprach