: Barbara Haid, Hans Haid
: Naturkatastrophen in den Alpen
: Haymon
: 9783709974728
: 1
: CHF 11.70
:
: Regional- und Ländergeschichte
: German
: 176
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
ÜBERFLUTUNGEN UND BERGSTÜRZE, LAWINEN- UND MURENABGÄNGE - seit Jahrhunderten leben die Bewohner des Alpenraums in stetiger Angst vor verheerenden Naturkatastrophen. Hans Haid, der große Experte für die Geschichte und Kultur des Alpenraumes, stellt gemeinsam mit seiner Tochter Barbara MEHR ALS 35 DER GRÖSSTEN NATURKATASTROPHEN VOM MITTELALTER BIS ZUM LAWINENUNGLÜCK VON GALTÜR 1999 dar. In ORIGINALEN ZEITDOKUMENTEN lässt er die Betroffenen selbst berichten und zeichnet so ein bedrückend lebendiges und authentisches Bild von den elementaren Naturereignissen, die das Leben im Alpenraum bedrohen. AUS DEM INHALT: Was ist eine Naturkatastrophe? Naturkatastrophen des Hochgebirges - Lawinen Bionnassay-Gletscher 1892 Bergemoletto 1755 Les Diablerets - Derborence 1714 und 1749 Giétroz 1818 Bisgletscher und Randa im Mattertal 1819 Schweiz 1951 - Wallis - Andermatt - Bosco Gurin - Die Rhätische Bahn - Vals - Zuoz - Zernez - St. Antönien Biel in Goms 1827 Andermatt 1839 Goldau 1806 Elm 1881 Plurs im Bergell 1618 Saas im Prättigau 1689 Großes Walsertal 1954 Galtür und Valzur 1999 Calancatal Rueras 1749 Rueras 1817 Selva 1808 Selva 1923 Außerfern - Elmen im Lechtal 1664 - Lechtal 1689 - Bach im Lechtal 1693 - Lähn im Außerfern 1456 - Lähn im Außerfern 1689 Moos und Neder im Ötztal 1817 Longarone 1963 Obertilliach 1631 Maria Luggau 1909 Heiligenblut am Großglockner 1951 Gasteiner Tal 1951 Salzburg 1669 Hallstätter See 1822 Traunsee 1680, 1854 und 1910 Grundlsee 1738 Grimming

Hans Haid, geboren 1938 in Längenfeld im Ötztal, lebt als Volkskundler, Alpenforscher, Publizist und Schriftsteller im Ötztal. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen und Sachbücher über Geschichte und Kultur des alpinen Raums. Zuletzt erschienen: Sindt-Fluss. Eine Kulturgeschichte der Naturkatastrophen im Alpenraum (zus. mit Barbara Haid, Studienverlag 2009). Barbara Haid, geboren 1966, Übersetzerin und Autorin. Gemeinsam mit ihrem Vater Hans Haid hat sie mehrere Bücher zur Kulturgeschichte des Alpenraums verfasst.

Bergemoletto 1755


Am 19. März 1755 gingen in dem kleinen Ort Berge-moletto bei Stura di Demonte (Provinz Cuneo, Piemont) zwei Riesenlawinen ab und verschütteten 22 Personen.

Drei Frauen wurden in einem Stall unter einer Schneedecke von rund 20 Metern begraben. Am 25. April, also nach 36 Tagen, konnten die drei vollkommen abgemagerten Frauen gefunden und gerettet werden.

Charlie English berichtet in„Das Buch vom Schnee“über das Ereignis:

Die vielleicht grausigste Geschichte von Menschen, die eine Lawineüberlebt hatten, datiert vom 19. März 1755, als das Dorf Bergemoletto in den italienischen Alpen von einer ganzen Serie von Schneeabgängen praktisch ausgelöscht und drei Frauen, Maria Anna Roccia Bruno, Mitte vierzig, ihre Schwägerin Anna Roccia,über zwanzig, und die elfjährige Margarete Roccia, unter den Schneemassen begraben wurden. Sie waren zusammen mit Maria Annas 16-jährigem Sohn Antonio im Stall bei den sechs Ziegen, dem Esel und den fünf oder sechs Hennen gewesen, als Maria Anna ein Stück weiteröstlich die Schneemassen den Berg hinabrollen sah und eilig die Stalltür zuschlug. Sie hörten noch, wieüber ihren Köpfen das Dach zusammenbrach, und als das gewaltige Donnern und Brüllen vorüber war, fanden sie sich in einem kleinen, kaum einen Meter breiten Hohlraum wieder. Der Stall lag unter gut 13 Metern Schnee begraben. Die meisten Tiere waren getötet worden und fingen schon bald an zu stinken, nur zwei Ziegen, von denen eine trächtig war, hattenüberlebt. Eine Zeitlang ernährten sich die vier von der Milch der ersten Ziege, und als die starb, brachte die zweite ihr Junges zur Welt. Am sechsten Tag wurde Maria Annas Sohn Antonio krank. Erüberlebte noch sechs Tage, dann starb er– der schrecklichste Moment des ganzen Martyriums– im Schoß seiner Mutter.

aus: English, Das Buch vom Schnee, S. 159–160

Walther Flaig schildert in seinem Lawinen-Buch eindrücklich, wie die drei Frauen 36 Tage unter der Lawine von Bergemoletto begrabenüberlebten:

Bergemoletto– 900 Stunden lebend begraben

1755. Aus diesem Jahre ist eine Lawinengeschichteüberliefert (und durch den beglaubigten Bericht einerÜberlebenden belegt), die als die seltsamste und glücklichste Rettung aus Lawinennot gelten darf, die jemals Menschen widerfuhr: Am 19. März 1755 wurde der kleine italienische Ort Bergemoletto bei Stura di Demonte (Provinz Cuneo, Piemont) von zwei Riesenlawinen verschüttet und 22 Personen begraben. Die Lawinenkegel waren so mächtig, daß man schließlich die Bergung als hoffnungslos aufgab. Ein gewisser Rochia, der die Lawine kommen sah und entfliehen konnte, begann nach 5 Tagen selbständig Stollen in den Schnee zu treiben, um sein völlig verschüttetes Haus und seine Frau, Schwester und 2 Kinder zu suchen, damit er sie wenigstens begraben könne.

Lassen wir jetzt der Urkunde (41) selber das Wort:

„Nachricht von dem, was zu Bergemoletto, durch Herabschießung eines großen Schnee-Berges, am 19. März 1755 sich zugetragen hat, und der wunderbaren Erhaltung einer unter dem Schnee begrabenen Familie, vom 19. März bis zum 25. April. Es liegen unfern von Demont, wenn man durch das obere Thal von Stura die Gebirge hinunter steigt, zur linken Hand, ungefähr anderthalb Stunden von dem Wege, welcher nach Demont führt, fast auf der Mitte des Berges, einige wenige Häuser, welche von den dortigen Einwohnern Bergemoletto genannt werden. Diese hatten das Unglück, am 19. März 1755, des Morgens, da sehr viel Schnee gefallen war, durch zwey große Schnee-Haufen, welche von den oberen Theilen des Gebirges herunter rolleten, gänzlich bedeckt und zu Grunde gerichtet zu werden. Alle diese Einwohner befanden sich in ihren Häusern; nur Joseph Rochia, ein Mann von ungefähr 50 Jahren, war, nebst seinem fünfzehnjährigen Sohne, auf dem Dache seines Hauses mit Wegräumung des Schnees, welcher sich seit drey Tagen auf demselben gehäuft hatte, beschäftigt. Ein vorbeygehender Priester, welcher hingieng, die Messe zu lesen, sagte ihnen, daß sie herunten kommen möchten, weil er so oben einen großen Schnee-Haufen von dem Berge sich absondern, und auf sie losrollen gesehen hätte. Dieser war auch nicht weit von des Rochia Hauses niedergefallen, hatte aber, weil er nicht sehr groß war, keinen Schaden verursacht. Da nun Rochia befürchtete, daß diesem kleinen Schnee-Haufen vielleicht größere folgen möchten, stieg er eiligst von seinem Hause herunter, und lief mit seinem Sohne fort, ohne daß er recht wußte wohin. Allein, kaum hatte er 30 bis 40 Schritt zurückgelegt, als sein Sohn, der hinter ihm war, niederfiel. Er sah sich deshalb nach ihm um, und erblickte zugleich, daß sein und seiner Nachbarn Häuser mit einem Schnee-Berge bedeckt waren. Er hob seinen Sohn auf; allein, als er bedachte, daß seine Frau, seine Schwester, seine beyden anderen Kinder, und alle seine Habseligkeiten, unter dem Schnee begraben wären, fiel er in Ohnmacht. Als er wieder zu sich selbst bekommen war, begab er sich auf den Weg, und kam glücklich zu der Wohnung eines seiner Freunde. Unter diesem entsetzlichen Schnee-Berge, welcher 60 engl. Schuh (das sind rund 20 Meter) hoch war, wurden 22 Personen begraben. Weil der Schnee so hoch war, konnten die Arbeitsleute, deren eine große Menge beordert war, um jenen Elenden zu Hülfe zu kommen, solchen nicht hinweg schaffen, und man ließ endlich alle Hoffnung fahren, daß man ihnen die geringste Hülfewürde widerfahren lassen könne.

Fünf Tage nachher, als sich Rochia von seinem Schrecke etwas wieder erholt hatte, und zu arbeiten im Stande war, gieng er mit seinem Sohne und zwey Schwägern nach dem Schnee-Berge, um den Ort zu suchen, wo sein jetzt bedecktes Haus und Stall seyn möchte. Er suchte es vermittelst der verschiedenenÖffnungen, die er von allen Seiten in den Schnee machte, zu entdecken, aber vergeblich. Weil aber der Monath April sehr heiß war, und der Schnee zu vergehen