Erschde Schdapfl
(Erste Stufe)
Hallo, Freunde, schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt. Ich bin Steven und ihr hört Radio Donauwelle, euren Sender für den Kreis Tuttlingen. Oder sollte ich besser sagen, für das ganze Gebiet zwischen Alb und Donau? Wir haben unser Sendegebiet erweitert, sodass ihr uns nun auch von Meßkirch bis Hechingen und von Donaueschingen über Balingen bis rauf nach Empfingen hören könnt. Apropos Balingen: In der Stadt wird ja so einiges geboten. Meine Kollegin Mina wird später live aus der Zollernschloss-Stadt berichten. Außerdem gibt es Karten für das Simon& Garfunkel Tribute-Konzert in der Stadthalle zu gewinnen. Ihr müsst uns nur verraten, welches Lied des Folkrock-Duos ihr am besten findet. Also ran ans Telefon und im Studio anrufen. Derweil machen wir weiter mit der britischen Band James und ihrem Song Ring the bellsin der alternativen NRG-Live–Fassung. Es gibt nichts Besseres, um einen Tag, ein neues Buch oder einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen …
Himmelherrschaftsackzement! Pater Pius fluchte. Innerlich. Nach außen hin war nur ein »Autsch« zu hören, als er mit dem rechten Knie voran auf den ausgetretenen Steinstufen zu Fall kam. Einen Moment lang befürchtete der Ordensmann, seine Kniescheibe wäre geborsten. Jedenfalls klang das Knirschen nach einem orthopädischen Notfall. Dann aber pustete er erleichtert die Luft aus seinen um 04:30 Uhr morgens frisch rasierten Wangen. Was da geknirscht hatte, war die schwere Holztür direkt vor seiner Nase.
»Hend Sie sich weh gmacht?« Allein die besorgte Frage des Mannes im blauen Arbeitsoverall, der aus der Tür trat, pustete schon einen Gutteil der Schmerzen weg. Er hieß Horst Seifried, wie sich Pius von seinem letzten Besuch hier noch erinnerte.
»Ein bisschen«, gab er zu. Und sandte im selben Moment ein stilles Gebet zu seinem Herrn. So ein saftiger Fluch mochte zwar im ersten Moment guttun, war aber für einen Ordensmann nicht angebracht. Wobei – was war an diesem Tag schon angebracht, fragte sich der Prior des Brüderlichen Ordens, während er sich aufrappelte und das Loch in seiner schwarzen Jeans betrachtete. Unter dem Stoff war die Haut gerötet und abgeschürft, blutete aber nicht. Einen blauen Fleck würde es jedoch geben. Und ein Kopfschütteln von Bruder Ortwin, der in diesem Monat den Wäschedienst im Spaichinger Kloster übernommen hatte. Pius beschloss, sein Taschengeld nicht wie geplant in die neue CD von Joe Bonamassa zu investieren, sondern in einen Flicken für die ziemlich neue Hose.
Der Hausmeister musterte Pius von oben bis unten. Er überragte den Pater um einen guten Kopf, war um die Leibesmitte ebenso füllig wie der Ordensmann, hatte im Gegensatz zu Pius aber schlaksige Arme und Beine. Und er trug einen vollen, graublonden Bart, über dem eine spitze, glänzende Nase thronte.
»Soll mai Frau sich des agugga?« So hünenhaft der Mann war – seine wasserblauen Augen sahen wirklich besorgt aus.
Pius fragte sich, was der Mittvierziger in ihm sah. Einen Senior, der tapsig genug war, sich der Länge nach auf eine simple Stufe zu werfen? Erst am Morgen, ehe er nach der Rasur zur Kapelle des Spaichinger Konvents zum Morgengebet geeilt war, hatte der Pater sein eigenes Spiegelbild etwas verdutzt betrachtet. Waren die grauen Schläfen schon immer so … sichtbar gewesen? Und die weißen Haare, die sich in seine eigentlich beinahe schwarzen Augenbrauen schlichen, ließen ihn ein bisschen wie den Weihnachtsmann aussehen. »Geht schon, geht schon.« Pater Pius bewegte das Knie. Es knirschte, aber es funktionierte. Der Mensch im Blaumann trat jetzt ganz aus der schweren Holztür und ließ sie krachend hinter sich ins Schloss fallen. Pius erhaschte einen kurzen Blick in den Eingangsbereich. Hinter