Der Atem von Hedi Kastler bildete kleine, weiße Wölkchen in der eisigen Winterluft. Eine dicke, weiche Schneedecke lag über dem schönen Zillertal und über dem Hotel „Am Sonnenhang“, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Andi führte.
Die Weihnachtszeit mit all den herrlichen, besinnlichen Adventsveranstaltungen war vorbei, und auch die rauschende Silvesterparty, die alljährlich für die Hotelgäste abgehalten wurde, lag bereits in der Vergangenheit. Aber das hieß nicht, dass im Hotel Ruhe eingekehrt wäre! Noch immer zog das winterliche Zillertal Winterurlauber und Romantiker an, die die steilen Hänge zum Skifahren und Rodeln nutzten, die Landschaft beim Langlaufen genossen oder sich nach ausgiebigen Schneespaziergängen bei einer Tasse Tee oder Kakao mit Rum aufwärmten.
Hedi fand es einfach wunderbar! Sie liebte es, wenn der Schnee in der Sonne glitzerte und unter ihren Schritten knirschte.
Freilich freute sie sich auch schon wieder auf den Frühling und Sommer, wenn all ihre Blumen, auf die sie so stolz war, wieder zu blühen beginnen würden. Aber auch der Winter hatte seinen ganz eigenen Reiz, dem sie sich nicht entziehen konnte. Scherenschnittartig hoben sich die dunklen, kahlen Bäume vor dem blendend weißen Hintergrund ab. In den Zweigen saßen ein paar Vögel und krächzten.
„Ja, ja, ich weiß, ihr habt Hunger“, rief Hedi lachend. „Aber keine Sorge, ich komm ja grad, um euch ein bisserl was zum Fressen zu bringen.“
Sie füllte das Vogelhaus mit Körnern und hängte ein paar Meisenknödel auf. Sobald sie sich ein paar Schritte entfernt hatte, tummelten sich die Vögel beim Futter und zankten sich um die besten Körnchen. Lächelnd sah Hedi ihnen eine Weile zu, dann wollte sie zurück ins Hotel gehen.
Auf dem Parkplatz vor der Eingangstür sah sie Kilian Garnreiter, der unermüdlich Schnee schippte. Der Sechsundfünfzigjährige trug eine warme Daunenjacke und eine dicke Wollmütze. Er war so auf seine Tätigkeit konzentriert, dass er Hedi erst gar nicht wahrnahm.
„Servus, Kilian!“, rief sie fröhlich. „Na, ist das net ein prächtiger Tag? Wie gemalt!“
Kilian nickte ihr grüßend zu und lüpfte die Mütze ein wenig wie einen Hut.
„Na ja, geht schon“, meinte er und grinste schief.
„Das klingt aber gar net so begeistert“, stellte Hedi verwundert fest.
„Ist halt viel zu tun.“ Er zuckte mit den Schultern. „Jeden Tag fällt neuer Schnee, und ich muss räumen.“
Hedi schmunzelte. Kilian nahm seine Arbeit wie immer sehr genau. Es reichte ihm nicht, den Platz vor dem Hotel grob von Schnee zu befreien, sondern er legte großen Wert darauf, dass alles perfekt und sehr gepflegt aussah. So zuverlässig und sorgfältig kam er all seinen Pflichten nach, ob es nun um Chauffeurstätigkeiten, das Tragen des Gepäcks oder das Fegen und Schneeräumen ging.
Die Hotelchefin dachte kurz nach und klatschte dann in die Hände.
„Weißt du was? Ich hab grad kurz Zeit, bevor ich die Gerda Stahmer an der Rezeption ablösen muss.“
Hurtig lief sie in den Schuppen und kehrte mit einer weiteren Schneeschaufel zurück.
Dankbar nickte Kilian. Er wusste es zu schätzen, dass er eine Chefin hatte, die tatkräftig überall mit anpackte, wo es nötig war, soweit ihre Zeit es zuließ.
Bei der anstrengenden Tätigkeit wurde es Hedi schnell warm. Als sie kurz innehielt, um sich die blonden Haare aus der verschwitzten Stirn zu streichen, sah sie ein Stück weit entfernt einen Mann in einem schwarzen Mantel. Er kam einen Wanderweg herunter, beide Hände in die Manteltaschen gesteckt, und schien tief in seine Gedanken versunken zu sein.
Hedi erkannte ihn gleich: Er war ein Hotelgast, der gestern erst angereist war. Sie hatte noch nicht viel Gelegenheit gehabt, mit ihm zu reden, aber sie war sich ganz sicher, dass er eine schwere Zeit durchmachte. Ihre Menschenkenntnis trog sie fast nie, und dieser Mann wirkte so traurig, als sei ihm etwas Schlimmes widerfahren.
Die Hotelchefin seufzte. Sie hoffte, dass er in ihrem Berghotel ein wenig Trost finden würde. Hier waren schon viele gebrochene Herzen geheilt.
Hedi sah ihre Gäste nicht gern bedrückt, und es freute sie, dass sehr viele glücklicher abreisten, als sie angereist waren.
Sie konnte nur hoffen, dass das auch bei diesem mel