„Lass uns heute Abend einmal so richtig ausgehen und feiern, dass wir auf der Welt sind!“ Paul Leisner saß beim Frühstück und beobachtete seine Frau, wie sie ihm Pfannkuchen buk. Es war Sonntagmorgen und eine der seltenen Gelegenheiten, an denen sie sich überhaupt noch sahen.
„Am Montag müssen wir beide früh aus den Federn und würden es nur büßen“, erwiderte Aurora Leisner und wirkte nicht sonderlich begeistert von dem Vorschlag.
Sie sah wie immer aus – perfekt und bezaubernd und kein bisschen erschöpft. Ihrem Mann entging aber keineswegs, dass sie morgens im Badezimmer inzwischen deutlich länger brauchte, bis diese Perfektion erreicht war. Auch Aurora war erschöpft, nur gab sie es nicht zu.
Paul hätte nie eine Bemerkung darüber gemacht, denn seine Frau war unendlich verletzlich, selbst wenn sie sich nach außen wie ein Kaktus mit spitzen Stacheln gab. Es war ihre Sensibilität, die ihn zu ihr hinzog, und die Art, wie es ihr gelang, sich so gut zu tarnen, dass viele sie für kalt hielten.
Fünf Jahre lag seine Werbungszeit um sie zurück, und er konnte sich noch gut erinnern. Es war eine wahre Meisterleistung der Geduld gewesen, und er hatte mehr als einmal fast aufgegeben, aber irgendwann hatte sie ihren Panzer etwas gesenkt. Inzwischen waren sie über vier Jahre verheiratet.
Ungeschminkt hatte er sie aber selbst in ihrer Ehe so gut wie nie gesehen. Aurora brauchte ein perfektes Aussehen, perfekte Kleidung, ein perfektes Umfeld und perfekte Menschen, um sich wohlzufühlen. Sobald etwas die Perfektion beeinträchtigte, zog sie sich zurück oder wurde nervös und aggressiv.
Paul fragte sich oft, wie sie es mit ihm aushielt. Perfekt war er zu seinem Leidwesen nicht, aber er liebte seine Frau über alles und tat, was in seiner Macht lag, damit es ihr gut ging.
„Schatz, wir arbeiten zu viel und haben kaum noch etwas voneinander. Du stehst von Montag bis Samstag in deiner Boutique, und ich bin im Büro. Ist dir aufgefallen, dass wir oft tagelang kaum mehr als Guten Morgen zueinander sagen? Das kann es doch nicht sein! So habe ich mir unser gemeinsames Leben nicht vorgestellt“, stellte er traurig fest. Er fragte sich immer öfter, ob da nicht etwas schrecklich falsch lief.