„Mutter, Mutter, wein doch net so!“, flehte Sophie unglücklich und schlang die Arme um ihre Mutter, die an dem großen Holztisch unter dem Herrgottswinkel in der Stube saß, den Kopf in den Armen verborgen hatte und deren schlanke Gestalt vom Schluchzen nur so geschüttelt wurde.
„Schau, der Vater ist jetzt droben im Himmel, der hat keine Sorgen mehr“, versuchte Sophie sie zu trösten.
Aber offensichtlich war das auch nicht das Richtige gewesen, denn die Bäuerin weinte nur noch mehr.
Sophie wurde ganz anders. Sie hatte ihren Vater ja auch gerngehabt. Und als er vor drei Wochen bei der Arbeit im Holz tödlich verunglückt war, hatte sie auch geglaubt, das Herz würde ihr brechen vor lauter Schmerz und Kummer.
Aber es half ja nix! Es musste irgendwie weitergehen. Und bei der Bauernarbeit war es net so, dass man die Kühe über den Winter einmotten konnte. Ganz zu schweigen von all den anderen Dingen, die über den Winter gemacht werden mussten, weil während der Sommermonate keine Zeit dazu blieb.
„Mutterl“, versuchte Sophie es wieder liebevoll, „schau, ich bin ja auch noch da! Und der Hansl-Bauer, der dabei gewesen ist, hat doch versichert, dass es ganz schnell gegangen ist, dass der Vater net leiden musste, dass er keine Schmerzen gehabt hat.“
Aber die Bäuerin weinte nur noch mehr, und Sophie wusste nicht, was sie noch sagen konnte. So saß sie neben ihrer Mutter, legte ihr bloß den Arm um die zuckenden Schultern und sah bittend zum Herrn Jesus hinauf, der über ihnen im Herrgottswinkel am Kreuz hing und so milde und verständig auf sie herunterschaute.
Ob die Mutter vielleicht auch weinte, weil sie mit ihren sechsundvierzig Jahren jetzt plötzlich allein war? Aber sie war doch noch immer eine hübsche Frau, mit ihren dichten, dunklen Haaren, in die sich kaum ein paar silberne Fäden mischten! Manchmal beneidete Sophie ihre Mutter um den bräunlichen Teint und die dunklen Augen – wie schwarze Kirschen, hatte der Vater immer gesagt und sie dabei ganz verliebt angeschaut. Ja, es war eine gute Ehe gewesen, und sicher weinte die Mutter auch deshalb so viel!
Auch um die schlanke Gestalt beneidete Sophie ihre Mutter gelegentlich. Wenn sie so daherkam, konnte man sie beinahe für ein junges Madel halten, so geschmeidig war die Figur und so leicht die Bewegungen.
Dabei war Sophie keineswegs unzufrieden mit sich. Sie hatte dazu wirklich auch keinen Grund. Ein bisserl molliger als die Katharina, schlug sie mehr dem kräftigen Vater nach, mit dem seidigen blonden Haar und den großen, vergissmeinnichtblauen Augen. Im Sommer hatte sie auf ihrer kecken Nase ein paar lustige Sommersprossen, was gut zu ihren frischen Wangen und dem roten Kirschmund passte, de