: Andreas Wenderoth
: Ein halber Held Mein Vater und das Vergessen
: Karl Blessing Verlag
: 9783641171346
: 1
: CHF 5.40
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dies ist die Geschichte eines Lebens, das durch die Demenz aus der Spur geraten ist.

„Entschuldige mich bitte für meine Inhaltslosigkeit, aber ich bin nur noch ein halber Held.“ So beschreibt Horst Wenderoth seine Gedanken- und Gefühlswelt, die von einer Diagnose auf den Kopf gestellt wurde: vaskuläre Demenz. Es ist ein Satz, der den Sohn Andreas „in seiner klarsichtigen Poesie erschüttert“. Sein Leben lang war Horst Wenderoth ein Mann des Wortes. Seit drei Jahren aber wenden sich die Wörter von ihm ab und gegen ihn, sagen nicht mehr, was er denkt.

Ein halber Heldist die berührende, zuweilen aber auch absurd komische Liebeserklärung eines Sohnes an seinen Vater, der sich stets über den Geist definierte, und liefert einen einzigartigen Einblick in das Erleben eines Demenzkranken. Auf einfühlsame Weise werden dabei auch die kreativen Seiten der Krankheit geschildert, die sich von der herkömmlichen, rein pathologischen Wahrnehmung deutlich abheben.

Eine Vater-Sohn-Geschichte, die zeigt, dass nach der Diagnose Demenz das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist und bei allem Abschiedsschmerz auch Trost bleibt.



Andreas Wenderoth, geboren 1965, studierte Politologie und Geographie an der FU Berlin, bevor er als freier Autor für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wieGEO,SZ-Magazin,Die Zeit,Brigittesowie i>DeutschlandRadio KulturundWDRtätig war. Er ist Theodor-Wolff-Preisträger und wurde mehrfach für den Egon-Erwin-Kisch-, den Henri-Nannen- und den Deutschen Reporterpreis nominiert. Wenderoth lebt in Berlin.

AUF SCHWANKENDEM BODEN

»Doch zweifl’ ich noch, denn ich begreif’ es nicht, an welchem Ort ich bin; all mein Verstand entsinnt sich dieser Kleider nicht, noch weiß ich, wo ich die Nacht schlief.«

Shakespeare: König Lear

Nach einem Monat im Krankenhaus wird mein Vater in ein Pflegeheim verlegt. Es liegt direkt gegenüber dem Haus meiner Eltern. Wir empfinden es als großes Glück, dass dort ein Platz zu bekommen war. Meine Mutter muss nur ein paar Schritte über die Straße gehen. Und denkt, dass es, wenn sich die Lage erst etwas entspannt hat, vielleicht möglich sein wird, ihn hin und wieder nach Hause zu holen. Wenigstens stundenweise.

Sie richtet ihm das Zimmer ein. Ein Teewagen, auf dem Fotos meiner Eltern stehen, ein paar auch von mir. Lächelnde Menschen, die Zuversicht ausstrahlen, und ein paar Tierbilder, weil meine Mutter der Meinung ist, dass diese einen beruhigenden Einfluss haben. Das Zimmer ist zur Straße gelegen. Was gut ist für meinen Vater, denn völlige Ruhe, die er immer geschätzt hat, stürzt ihn jetzt zuverlässig in seine verwirrende Innenwelt. Er isst, als wir ihn gegen Abend besuchen. Vor seinem Bett steht ein Rollator, den er uns folgendermaßen erklärt: »Es gibt hier so kleine Geräte, die rollen weg, und dann sind sie wieder da.« Die Teetasse steht in bedrohlicher Schräglage neben der Ausbuchtung im Tablett. Meine Mutter, die die Situation mit scharfem Blick erfasst, versucht zu begradigen, aber auf wundersame Weise steht nun der Teller schief. Mein Vater kommentiert ihr Bemühen, Ordnung zu schaffen, mit analytischem Blick: »Man muss sagen, man könnte Verrückungen vornehmen, tieferer, aber auch flacherer Art. Eben hast du eine Verrückung eher flacherer und gefährlicher Art vorgenommen. Du hast die Sache nicht richtig gravierend gemacht.«

Was wir, damit sich niemand bedroht fühlt, schnell ändern.

Beim Nachtisch sagt mein Vater, er müsse nun etwas Wichtiges mit uns besprechen. Fasst uns beide an der Hand, strahlt uns an und sagt: »Der Familienverbund ist doch das Schönste!«

Weil er in dieser Nacht randaliert und schreit, wird er morgens auf eine andere Station verlegt. Hier sind nun nur noch Demente. »Leute, mit denen ich nicht reden kann«, klagt der Vater. Und dass er es nicht aushalte. »Ich will sterben«, sagt er zu meiner Mutter. »Komm doch mit mir!« Sätze, die einen leiden lassen, selbst wenn man gesund ist. Aber meine Mutter ist weit davon entfernt, gesund zu sein. Dann, oft übergangslos, auch wieder solche Sätze, die von einem Rest Lebensmut künden: »Umso mehr empfinde ich die Notwendigkeit, ich sage das mal so pathetisch, Rettungsarbeit zu leisten an mir selber. An meiner nächstgelegenen Umwelt. Und es nicht so treiben zu lassen, ach, heute Abend wird wieder Frost sein und so was, nein, ich bin eigentlich neugierig auf den Abend.«

Darf ich mal ’ne Zwischenfrage stellen, ehe sie mir entfällt:

Wenn man dich fragen würde: Was haben Sie für einen Beruf, was würdest du da antworten?

Weißt du es denn?

Nein!

Ich bin Journalist.

Mmh … Wann fahren wir endlich zurück nach Berlin?

Wir sind in Berlin!

Was ist das hier?

Ein Pflegeheim.

Ist das weit von zu Hause?

Ich male ihm einen Plan, der zeigt, dass er sich nur etwa 200 Meter von zu Hause entfernt befindet. Ich mache ein Kreuz für unser Haus und schreibe »Mama« darauf. Dann zeichne ich den Grundriss des Altersheimes und die ungefähre Lage seines Zimmers ein und versehe auch das mit einem Kreuz.