KAPITEL 3
Eigenartig, wie lange ich brauchte, um das Bild, das sich mir bot, zu erfassen. Doch das war alles so vollkommen falsch, so irrwitzig, so … verzerrt – wie hätte man das auch schneller begreifen sollen?
Auf dem Metallsteg befand sich der Körper einer jungen Person. Ich sage »Person«, weil zwar die sekundären Geschlechtsmerkmale die eines halbwüchsigen Jungen waren, aber die Bekleidung (zu sehen war nur ein Unterkleid, dem ein Ärmel fehlte) sowie das Make-up auf ein Mädchen oder vielmehr auf eine Frau hindeuteten, und zwar eine von zweifelhaftem Ruf. Das unglückliche Geschöpf hatte die Handgelenke auf dem Rücken zusammengebunden, die Beine waren zu einer knienden Haltung gebogen, und zwar so, dass das Gesicht gegen den eisernen Laufsteg gepresst wurde. Aber was mit dem Körper geschehen war …
Das Gesicht wies keine Spuren von Schlägen auf – die Schminke schien unberührt –, aber wo einst Augen gewesen waren, sah man jetzt nur noch blutige Höhlen. Aus dem Mund ragte ein unkenntliches Stück Fleisch. Quer über die Kehle zog sich ein breiter Schnitt, der jedoch kaum blutete. Der Unterleib war geradezu zerfetzt worden, sodass man die inneren Organe erahnen konnte. Die rechte Hand war glatt und sauber abgeschlagen. Eine klaffende Wunde im Schritt bot die Erklärung für den Mund – die Genitalien waren abgetrennt und dem Opfer zwischen die Zähne gestopft worden. Auch die Hinterbacken fehlten, mit großen, breiten Schnitten abgesäbelt wie von einem Metzger.
In den ein oder zwei Minuten, die ich brauchte, um die Einzelheiten aufzunehmen, wurde um mich herum plötzlich alles schwarz, und was ich zuerst für das Stampfen eines Dampfers hielt, war in Wirklichkeit das Dröhnen meines Blutes in meinen Ohren. Etwas Galliges stieg mit einem Mal in mir auf, daher drehte ich mich rasch um und hängte meinen Kopf über das Geländer.
»Commissioner!«, schrie Connor und stürzte aus dem Wachtturm. Aber Theodore war schon mit einem Sprung bei mir.
»Beruhige dich, John«, hörte ich ihn sagen, während er mich mit seiner drahtigen, aber erstaunlich kräftigen Boxerstatur stützte. »Tief durchatmen.«
In diesem Augenblick hörte ich einen lang gezogenen Pfiff von Flynn, der offenbar noch immer auf den Toten starrte. »Da sieh mal einer an«, sagte er ungerührt. »Giorgio alias Gloria, dich hat einer ganz schön fertiggemacht, was? Tja, du wirst keinen mehr einwickeln.«
»Ach, Sie kennen dieses Kind, Flynn?«, fragte Theodore, während er mich gegen die Mauer des Wachtturms lehnte. Das Karussell in meinem Kopf wurde allmählich langsamer.
»Allerdings, Commissioner.« In dem trüben Licht schien es, als würde Flynn grinsen. »Kind kann man das hier allerdings nicht nennen, wenn es nach seinem Benehmen geht. Familienname Santorelli, Alter, na ja, sagen wir so um die dreizehn. Giorgio hieß es ursprünglich, aber als es anfing, in der Paresis Hall zu arbeiten, nannte es sich Gloria.«