: Hagen Stoll
: Haudegen Zusammen sind wir weniger allein
: Heyne Verlag
: 9783641190415
: 1
: CHF 5.40
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
I r Weg führte aus Ostberliner Plattenbauten an die Spitze der Albumcharts. Sie verbinden Rockmusik mit ebenso geradlinigen wie berührenden Texten. Sie tragen die Namen ihrer Fans als Tätowierung immer bei sich: Haudegen ist die deutschsprachige Rockband der Stunde. So packend Hagen Stoll und Sven Gillert Musik machen, so aufrichtig erzählen sie jetzt ihre eigene Geschichte – ein Buch über die Wucht des Lebens und die Kraft der Musik.

Hagen Stoll, Jahrgang 1975, wächst im Ostberliner Stadtteil Marzahn auf. Nach einer Lehre auf dem Bau und Gelegenheitsjobs als Türsteher, Eisverkäufer und Putzfachkraft beginnt er sich Mitte der 1990er Jahre für die aufkeimende deutsche Rap-Szene zu interessieren. Er arbeitet als Produzent, unter anderem von Sido und wird als Joe Rilla zum Sprachrohr der ostdeutschen Jugendkultur und der „Platten“. 2009 gründet er mit seinem Jugendfreund Sven Gillert die Gruppe Haudegen und konzentriert sich von nun an auf Rockmusik in bester Liedermacher-Tradition. Ihr Debütalbum „Schlicht& Ergreifend“ landet auf Anhieb auf Platz 9 der deutschen Charts. Hagen Stoll lebt und arbeitet in Berlin.

2.GROSSVATER SAGT

  • Womit soll ich anfangen?
  • Warum nicht mit deiner Geburt?
  • Na schön.

Ich war unbeabsichtigt. Meine Mutter ist nur sechzehn Jahre älter als ich, da kann man sich denken, dass keine Absicht vorlag. Was aber die Sache noch kritischer machte: Obendrein war ich nicht gerade willkommen. Mein Großvater, das Familienoberhaupt, konnte meinen Erzeuger nicht leiden und wollte darum erst mal nichts von mir wissen. Mein Erzeuger war allerdings auch eine Pfeife – Scheiße bauen und Mädels flachlegen, das war sein Ding. Einmal habe ich ihn gesehen, als Kind, da lungerte er vor unserer Haustür herum, ein großer, kräftiger Kerl in Jeansklamotten, die Ärmel hochgekrempelt, tätowiert bis an den Hals, ein echter Weiberheld.

»Wer issn det?«, frage ich meine Mutter.

Sie: »Den musst du nicht kennen.« Und als ich nachbohre: »Ein schlechter Mann.«

Sie lässt ihn stehen, aber ich will’s jetzt wissen. »Isser det?«, frage ich sie.

Und meine Mutter stöhnt: »Ja, det isser.«

Ich bin ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Wir sehen haargenau gleich aus.

Ein Schlägertyp. Mein Großvater hatte bald heraus, wer meiner Mutter den Bauch gemacht hatte, und von Stund’ an war ich ihm ein Dorn im Auge, obwohl es mich noch gar nicht gab. Der Rest der Familie schwieg dazu, niemand hätte ihm zu widersprechen gewagt. Wer sich nicht fügte, bekam von meinem Großvater eins aufs Maul, bis er’s kapierte.

Man darf sich meinen Großvater nicht wie einen Großvater vorstellen. Der hatte zu Hause das letzte Wort. Der regierte mit harter Hand. Wenn man Glück hatte, schlug er mit dieser Hand nur auf den Tisch. In seinen guten Jahren – und damals war er in seinen besten Jahren – war dieser Mann knapp zwei Meter groß, wog hundertvierzig Kilo und hatte Oberarme wie ein Steinsetzer, dazu Riesenpfoten und ein kantiges Gesicht. Seine Handflächen, aber auch seine Finger waren mit einer dicken Schicht harter Hornhaut überzogen, und wenn deine Hand zur Begrüßung in seiner verschwand, hast du um deine Hand gefürchtet. Er liebte seine Familie. Aber verträglich war er nur, solange jeder nach seinen Regeln spielte. Wer sich nicht daran hielt, bekam diese Hände zu spüren.

Es hatte Zeiten gegeben, da war er für irgendwelche Firmen irgendwohin gefahren und hatte irgendwelche Leute zusammengeprügelt, damit sie ihre Rechnungen bezahlten – das war damals normal, es herrschte ein viel rauerer Umgangston, wenn jemand sich nicht an die Abmachungen hielt. Auch später hatte er hier mal eine Keilerei, da mal eine Keilerei, und wenn Ebbe in der Brieftasche war, fragte er sich: Bei wem könntest du noch Geld eintreiben? Um an Cash zu kommen, beteiligte er sich auch als Preisboxer an Hinterhofboxkämpfen. Er verfügte über einen ganz ordentlichen rechten Haken, und so entschied er die Sache oftmals in den ersten zwei Runden für sich und hatte wieder Kohle.

Einmal habe ich ihn nach dieser Wahnsinnsnarbe gefragt, die von links nach rechts quer über seine Nase verläuft. »Da wollten se mir die Neese abschneiden«, sagte er.

»Warum denn?«