2. Gibt es Frieden zwischen den Religionen?
Das 16. Jahrhundert hatte den Menschen die Reformation gebracht, das 17. Jahrhundert nach der Katastrophe des großen Krieges den Westfälischen Frieden – jetzt stellte sich für das 18. Jahrhundert die Frage, ob es in Deutschland tatsächlich einen Frieden zwischen den Religionen geben konnte. Zwar hörten die Konfessionen nach 1648 nicht auf, sich weiter zu streiten. Katholiken und Protestanten überhäuften sich weiterhin bei unterschiedlichsten Gelegenheiten mit Hohn und Spott, und so sollte auch das 18. Jahrhundert keinen Mangel an Religionsgezänk und konfessioneller Intoleranz kennen. Aber war nun nicht doch alles ganz anders, weil den Konfessionen mit dem Westfälischen Frieden sozusagen »die Waffen aus der Hand« genommen worden waren?1 Weil es jetzt eben keinen »heißen« Krieg mehr gab, sondern nur noch Scharmützel des Alltags, die vielleicht lästig waren, die aber nicht in einen kollektiven Gewaltausbruch mündeten wie noch 1618?
Der Westfälische Friede hatte dokumentiert, wie sehr die Teilung der Gläubigen im Laufe der rund anderthalb Jahrhunderte seit der Reformation zur Grundtatsache deutschen Lebens geworden war. Dieses »Deutschland«, das ja als Reich nur in Umrissen bestand, aber weder religiös noch politisch ein geeintes Land war, stellte nun mehr denn je neue Anforderungen an die Anhänger der Konfessionen und ihre Kirchen. Wenn aus den vielen deutschen Ländern so etwas wie eine Nation werden sollte, eine wie auch immer geartete Einheit mit gemeinsamer staatlicher Ordnung, gemeinsamen Werten und gemeinsamer Kultur – wie konnte man das ohne einen verbindenden Glauben und eine gemeinsame Kirche bewerkstelligen? Wie sollten aus Katholiken und Protestanten also Deutsche werden?
Es mehrten sich Stimmen, denen zufolge man gerade in diesem zerrissenen Reich die Nation als ein verbindendes Prinzip den Konfessionen zumindest ansatzweise überordnen müsse. Theoretisch gab es für dieses deutsche Problem der Nationwerdung bei konfessioneller Zerrissenheit im Wesentlichen zwei Lösungsmöglichkeiten: Entweder die Konfessionskirchen fänden sich zu einer einheitlichen Kirche zusammen (das musste allerdings utopisch erscheinen), oder sie müssten ihren Mitgliedern einen Weg des Neben- und Miteinanders im Zeichen gegenseitiger Toleranz weisen.
Waren die Kirchen zu einer solchen Entwicklung fähig und willens? Das eigentliche Problem war ja seit der Reformation ungelöst. Alle Kirchen vertraten unterschiedslos die ehrlich auch so empfundene Überzeugung, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Und jede von der eigenen Überzeugung abweichende Glaubensaussage einer anderen Kirche hielt man deshalb für einen gefährlichen Irrtum, der bekämpft werden musste, weil er die vermeintliche, nämlich die eigene Wahrheit gefährdete. Es existierte nur die eine Wahrheit, dazwischen gab es keinen Mittelweg.2 Das war seit der Reformation so, und mit diesem Absolutheitsanspruch begegneten sich Katholiken, Lutheraner und Reformierte in Deutschland auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts.
Übrigens erschwerten ja nicht nur die Kirchen den Weg zu einer wie auch immer gearteten Lösung des konfessionellen Dauerkonflikts, auch die zahlreichen Landesherren des deutschen »Flickenteppichs« waren involviert und agierten in dieser Frage mal mehr, mal weniger friedensstiftend. Wer von ihnen wollte, verstand die Maxime »cuius regio, eius religio« als Chance. Je homogener die eigene Bevölkerung in konfessioneller Hinsicht war, desto seltener kam es mit Andersgläubigen zu Konflikten. Andererseits konnte der Landesherr eine abweichende Entscheidung eines Untertanen auch als Verstoß gegen seine moralische Autorität als Landesvater interpretieren. Warum folgten ihm bestimmte Untertanen bei der Frage des Glaubens gegebenenfalls nicht? Musste er dieses Verhalten nicht als Misstrauensvotum verstehen? Weshalb sollte er sich diesen Abweichlern gegenüber tolerant zeigen und ihnen womöglich die gleichen Rechte zugestehen wie den gehorsamen Anhängern der eigenen Religion?
Noch