Kapitel 2
Mythen erkennen!
»Ich gehörte zu jenen fünfzehn, die ein P mit Stern [Bestnote] bekommen haben. Und deswegen habe ich mich gewundert, weshalb man mir trotzdem nicht die versprochene Führung des Departments gegeben hat. Das hat mich schon sehr geärgert.«
(Maria J., 52)
Die junge Werbetexterin schluckt ihre Selbstzweifel hinunter und sieht konzentriert, vielleicht ein wenig angestrengt in die Runde. Ihr gegenüber sitzen drei Männer um die fünfzig, Repräsentanten eines potenziellen Kunden: des großen amerikanischen Lebensmittelkonzerns Heinz. In der Arena des Büros sind sie gleichzeitig das Publikum und die Punktrichter der bevorstehenden Bewährungsprobe. Für die aufstrebende Texterin ist die Präsentation ihrer Kampagne von immenser Bedeutung; sie entscheidet darüber, ob die Werbeagentur, für die sie arbeitet, den Zuschlag als Werbepartner für die schwächelnde Produktlinie »Heinz Baked Beans« erhält.
Im Laufe ihrer Berufstätigkeit hat sie als Frau gelernt, sich allein unter Männern auf dem schmalen Grat zwischen übertriebenem Ehrgeiz und authentischem Engagement, zwischen Durchsetzungsstärke und Teamgeist zu bewegen. Sie will die Tatsache, dass sie eine Frau ist, nicht verbergen, schreckt aber davor zurück, das ihr fremde Gehabe und oftmals sexistische Verhalten der Kollegen und Chefs offen zu kritisieren. Im Gegensatz zu ihren Vorgesetzten erlaubt sie sich nicht, Businesslunches bis in den Nachmittag hinein auszudehnen, um 16 Uhr den ersten Drink zu nehmen oder ihre Arbeitszeit mit Prestige- und Machtkämpfen zu vergeuden. Ihrem beruflichen Erfolg hat sie vieles geopfert, nicht zuletzt ihr Privatleben, und sie will nur durch eines überzeugen: Leistung.
Lange hat sie an ihrer Präsentation gefeilt und an diesem Tag auch ihr Outfit, ein schwarz-weißes, betont modisches, aber hochgeschlossenes Kleid, mit Bedacht gewählt. Nichts will sie dem Zufall überlassen.
Doch kaum hat sie die ersten Worte gesprochen, da ist der Widerwille bei den anwesenden Männern bereits zu spüren. Ein leichtes Stirnrunzeln, aufeinandergepresste Lippen, ein kurzer Austausch der Blicke genügen den Managern von Heinz, um sich gegenseitig ihr Befremden mitzuteilen. Nicht Zorn oder Missbilligung steht in ihren Gesichtern, eher eine herablassende Verwunderung, die sich aus dem tiefsten Inneren ihres beruflichen, »männlichen« Selbstverständnisses speist.
Im Zentrum des neuen Werbekonzepts steht einTV-Spot, der zeigt, wie heitere Heinz-Bohnen in Zeitlupe eine Art Tanz aufführen, der zu allem Überfluss auch noch Ballett genannt wird.
Der Heinz-Manager macht aus seinem Unbehagen keinen Hehl. »Haben Sie schon mal Bohnen von nahem gesehen?«, fragt er die junge Frau in einem Ton, als spräche er mit einem kleinen Mädchen, das von der realen, unerbittlichen Welt keine Ahnung hat. Im nächsten Satz assoziiert er Bohnen mit blutigen Nieren und dem Koreakrieg, mit Welten also, die ihr unzugänglich sind. Anders gesagt: Anstatt inhaltlich auf ihre Präsentation einzugehen, konfrontiert er sie indirekt mit ihrem Geschlecht.
Als die junge Frau ihre Idee energisch und selbstbewusst verteidigt, anstatt sich eingeschüchtert in der Ecke zu verkriechen, wird das Klima im Raum frostig. Ihr bleibt schließlich nur, durch ein Nicken ihren männlichen Vorgesetzten, der die Szene hinter einer gläsernen Wand beobachtet, um Hilfe zu bitten.
Sobald der Creative Director den Raum betritt, hellen sich die Mienen der Heinz-Manager auf. Sie scheinen erleichtert über die Intervention eines männlichen Wesens, mit dem sie reden können. Der Creative Director versucht gar nicht erst, seine Mitarbeiterin in Schutz zu nehmen und den Managern das Bohnenballett schmackhaft zu machen, sondern äußert Verständnis für ihr Befremden. Statt sich hinter seine Texterin zu stellen, lässt er sie auflaufen und vertröstet die Männer von Heinz in jovialaufgeräumter Manier auf das nächste Meeting, bei dem neue Vorschläge geliefert werden sollen.
Diese Szene spielt in