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Schon Wochen vor dem Dreh feilte Albert an seiner Rolle, überlegte sich Hunderte, Tausende Nuancen seines Charakters, verwarf alles, fahndete in Filmen und Büchern nach Vorbildern und erschuf schließlich einenworkaholic, der abends erschöpft sein Penthouse betritt, aufs Sofa fällt und bei einem Glas Wein und guter Musik entspannen möchte, wäre da nicht dieser quälende Hunger, der ihm keine Ruhe lässt. Nach unten zu gehen in ein Restaurant, in einen Supermarkt, oder einen Imbiss zu nehmen, dafür ist er zu müde. Was also tun? Die Wohnung, erkennen wir, ist clean, gestylt und licht, aber nicht steril. Ein Korb schmutziger Wäsche versperrt den Eingang, bestimmt hat er ihn heute Morgen beim Verlassen der Wohnung vergessen. Viel ist geschehen an diesem Tag. Hat er ein tolles Geschäft abgeschlossen? Einen Erfolg zu feiern? Eine neue Liebe? Oder alles zusammen? Er sieht blendend aus, kein Zweifel, Frauen fliegen auf ihn, fast zwei Meter ist er groß und noch mit vollem Haar, er strahlt Selbstsicherheit aus und gleichzeitig etwas ewig Suchendes. Etwas Kultiviertes. Verbraucherinnen könnten ihn sich an der Seite eines Supermodels mit zwei kleinen fröhlichen Kindern vorstellen und sind froh, ihn hier als Single zu erleben. So, als wäre er noch zu haben. Auf einem Tischchen stehen gerahmte Fotos mit in die Kamera lachenden Freunden an sonnengefluteten Stränden. Kein Zweifel, er liebtthe good life. Schöne Mädchen in knappen Bikinis. Er mittendrin. Eine Irritation flackert auf: Ist das vielleicht alles zu perfekt? Ist das hier nur seine Zweitwohnung? Führt er gar ein Doppelleben? Ist das nicht seine Stadt? Die Hände, die Sehnen an den Armen, die Muskeln. Er hat sich gut gehalten, und doch ist er unverkennbar Mitte Vierzig, cool, immer optimistisch, an den Augenrändern gezeichnet vom Leben, maskulin halt, ein Typ, wie ihn die Werbung liebt. Die Irritation verfliegt wieder, als seine Enttäuschung – ganz einfache, authentische, ungespielte Enttäuschung – angesichts des leeren Kühlschranks sichtbar wird. Zum Glück findet sich im Tiefkühlfach das neue Fertiggericht vonBel-Ami. Das gibt es jetzt in vielen Variationen: Chili con Carne! Risotto mit Steinpilzen! Poulet in Zitrone! Alle duften einzigartig, trotz des Eisschranks und der Eiszäpfchen an der Verpackung kann er es riechen. Einfach aufreißen, in der Mikrowelle auftauen, in einem Topf auf dem Herd ein paar Mal umrühren oder gleich in der Mikrowelle belassen, fertig! Voller Vorfreude atmet er ein, was angerichtet vor ihm auf dem Tisch steht. Wie ein Schleier umweht der Dampf seine Wangen. Der erste Bissen: Genuss pur! Etwas erfüllt ihn, kleine Nuancen der Gesichtsmuskeln: eine Transzendenz des Essens, der Aromen, des Geschmacks.
Der Dreh selbst brauchte kaum Überlegung undDevelopment. Es blieb keine Zeit, die Figur zu entwickeln. Alles musste gleich bei der ersten Aufnahme präsent sein. Das Wichtigste für die Leute aus der Werbung war die Sichtbarmachung des Genusses. Genau einen Tag veranschlagten sie für den Film. Das Team arbeitete trotz einiger Kontroversen hochprofessionell, und am Ende lagen sich alle in den Armen. Der Kunde, die Hauptsache, gab sich hochzufrieden. Der Film wäre Alberts Auferstehung, er brachte ihn zurück in die Schauspielerei, sofort sprach es sich im Kiez herum, dass er in einer großen Werbekampagne mitwirkte. Jahrelang hatte er ja abseits gestanden, hatte nicht einmal mehr kleinste Rollen erhalten. Deutlich spürte er, dass es von nu