Kapitel 1
24. Januar 2013
Der Sturm tobte über dem Gebirgszug, heftige Böen wirbelten den Schnee auf und reduzierten die Sichtweite praktisch auf null. Die beiden angeseilten Bergsteiger konnten kaum die Hand vor Augen sehen. Es war fast unmöglich geworden, in diesem weißen Magma voranzukommen.
Seit zwei Stunden dachte Shamir an nichts anderes als ans Umkehren, aber Suzie hatte sich in den Kopf gesetzt weiterzugehen und nutzte das Heulen des Windes aus, um seine Ermahnungen ganz einfach zu überhören. Sie hätten anhalten und ein Loch graben müssen, um darin Schutz zu suchen. Bei diesem Tempo würden sie die Hütte vor Einbruch der Nacht niemals erreichen. Shamir fror entsetzlich, sein Gesicht war mit Reif überzogen, und die zunehmende Taubheit seiner Glieder bereitete ihm Sorgen. Alpinismus in großer Höhe kann sehr schnell zu einem Versteckspiel mit dem Tod werden. Der Berg kennt keine Freunde, sondern nur Eindringlinge; wenn er einem seine Türen verschließt, muss man ihm bedingungslos gehorchen. Dass Suzie sich nicht daran erinnern wollte, was er sie gelehrt hatte, bevor er sich bereit erklärt hatte, sie zu begleiten, machte ihn wütend.
In viertausendsechshundert Meter Höhe mitten im Schneesturm ist es geboten, einen kühlen Kopf zu bewahren, und so suchte Shamir in seinen Erinnerungen nach etwas, um sich zu beruhigen.
Letzten Sommer hatten Suzie und er begonnen, am Grays Peak im Arapaho Nationalpark zu trainieren. Aber Colorado ist völlig anders, und die klimatischen Bedingungen sind nicht mit denen zu vergleichen, mit denen sie an diesem ausklingenden Tag konfrontiert waren.
Diese Besteigung des Grays Peak hatte eine Wende in ihrer Beziehung eingeleitet. Zurück im Tal, hatten sie in einem kleinen Motel in Georgetown übernachtet und zum ersten Mal ein Zimmer geteilt. Die Unterkunft besaß nicht den geringsten Charme, das Bett aber war so groß, dass sie es zwei Tage lang nicht verließen. Zwei Tage und zwei Nächte, im Laufe derer einer die Wunden am Körper des anderen gepflegt hatte, die der Berg ihnen zugefügt hatte. Es bedarf bisweilen nur einer kleinen Geste, einer Aufmerksamkeit, um sich überzeugen zu lassen, jenen anderen gefunden zu haben, der einem so ähnlich ist. Genau das hatte Shamir im Laufe dieser kleinen Auszeit gespürt.
Ein Jahr zuvor hatte Suzie an seiner Tür geklingelt, mit einem Lächeln, das ihn sofort entwaffnet hatte. In Baltimore sind Menschen, die lächeln, eher eine Seltenheit.
»Wie es scheint, sind Sie der beste Bergführer und -lehrer des ganzen Bundesstaates!«, sagte sie statt einer Begrüßung.
»Selbst wenn das stimmen würde, wäre es keine besondere Leistung, denn Maryland ist so flach wie eine Wüste! Die höchste Erhebung beläuft sich auf tausend Meter und ein paar Zerquetschte. Ein fünfjähriges Kind hätte keine Probleme, sie zu …«
»Ich habe in Ihrem Blog den Bericht über Ihre Expeditionen gelesen.«
»Was kann ich für Sie tun, Miss?«, antwortete Shamir.
»Ich brauche einen Führer und einen geduldigen Lehrer.«
»Ich bin nicht der beste Bergführer des Staates und auch kein Lehrer.«
»Mag sein, aber ich bewundere Ihre Technik und schätze Ihre Einfachheit.«
Suzie trat ungebeten ins Wohnzimmer und erklärte ihm den Grund ihres Besuchs. Sie wollte innerhal