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Wenn die Clearys sonntags zur Kirche fuhren, musste Meggie mit einem der älteren Jungen zu Hause bleiben, und sie sehnte den Tag herbei, an dem auch sie würde mitfahren dürfen. Padraic Cleary war der Meinung, dass kleine Kinder außer im eigenen Haus in keinem Haus sonst etwas zu suchen hatten, und das schloss Gotteshäuser mit ein. Ging Meggie erst einmal zur Schule und konnte man darauf vertrauen, dass sie still saß, so durfte sie auch zur Kirche mit. Vorher nicht. Und so stand sie jeden Sonntagmorgen beim Ginsterbusch am Vordertor, traurig, tief bedrückt, während die Familie in den alten Klapperkasten stieg und der als Meggies Hüter abbeorderte ältere Bruder ganz so tat, als wäre er heilfroh, auf diese Weise dem Gottesdienst zu entkommen. Dabei klebten alle Clearys gleichsam mit Elementarkraft aneinander. Der Einzige, der da eine Ausnahme machte, war Frank. Er genoss es durchaus, von den anderen getrennt zu sein.
Religion war für Paddy ein unerschütterlich fester Bestandteil seines Lebens. Als er Fee geheiratet hatte, wurde das von katholischer Seite recht unwillig akzeptiert, denn Fee war ein Mitglied der Kirche von England – war es zumindest bis dahin gewesen. Paddy zuliebe gab sie ihren Glauben auf, weigerte sich jedoch, stattdessen seinen anzunehmen. Weshalb, ließ sich schwer sagen. Allerdings gehörten die Armstrongs zu den alten Pioniergeschlechtern mit dem sozusagen makellosen Wappen des anglikanischen Glaubens, während Paddy ein armer Einwanderer war, dazu noch einer außerhalb des Schoßesihrer Kirche. Lange bevor dort die ersten »offiziellen« Siedler eintrafen, hatte es in Neuseeland bereits Armstrongs gegeben, und das war so etwas wie ein kolonialer Adelsbrief. Aus der Armstrong-Perspektive ließ sich nur feststellen, dass Fee eine schockierende Mesalliance eingegangen war.
Roderick Armstrong hatte den Neuseeland-Clan auf höchst sonderbare Weise begründet.
Das Ganze begann mit einem Ereignis, das auf das England des 18. Jahrhunderts viele unvorhergesehene Auswirkungen haben sollte: mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Bis 1776 waren alljährlich über eintausend verurteilte Verbrecher von England nach Virginia sowie Nord- und Süd-Carolina deportiert worden. Dort hatten sie Zwangsarbeit zu leisten unter Bedingungen, die nicht besser waren als jene für Sklaven. Die britische Rechtsprechung zu dieser Zeit konnte nicht anders als grausam und gnadenlos genannt werden. Auf Mord, Brandstiftung, das geheimnisvolle Verbrechen der »Verkörperung von Ägyptern« und Diebstahl (sofern das Gestohlene einen Wert von mehr als einem Shilling hatte) stand der Tod am Galgen. Bei minderen Delikten musste der Täter mit Deportation nach Amerika rechnen, und zwar auf Lebenszeit.
Als dann 1776 die Amerikaner sozusagen die Tore dichtmachten, wusste England bald nicht mehr, wohin mit seinen Verurteilten. Die Gefängnisse waren zum Bersten