1.
Rosmarinhonig (Rosmarinus officinalis)
Mild-aromatisch und zart. Der Honig des Neubeginns und der Klarheit. Er verleiht Mut zur Veränderung, und sein Geschmack erinnert an den Duft der Blüten, aus denen er gewonnen wird. Dieser Honig ist fast weiß und von cremiger Konsistenz.
Sonnenaufgang, ihre liebste Tageszeit. Wegen der Farben, der Stille und der Gerüche. Und wegen der ungeahnten Möglichkeiten, die einem der gerade erst beginnende Tag eröffnet.
Angelica Senes hatte schon viele Sonnenaufgänge erlebt. Alle gleich und doch so verschieden. In Spanien zum Beispiel bringt die aufgehende Sonne den Himmel zum Brennen, in der Luft hängt ein Geruch nach Tränen, aber auch nach Freiheit und Unendlichkeit. Die Sonnenaufgänge im Norden sind gleißend hell und kalt, zielgerichtet und effizient. In Griechenland durchbricht die Sonne ganz plötzlich die Dunkelheit wie bei einem Feuerwerk.
Und dann gab es da noch die Sonnenaufgänge ihrer Kindheit. Wie aus Kristall, ein grenzenloses Blau, in dem sich die eigene Seele spiegelt.
Die Spuren der schlaflosen Nacht noch in den Augen, stieg Angelica aus dem Campingbus, in der Hand ein Werkzeug, das wie ein Metallhaken aussah. Er schmiegte sich perfekt in ihre Hand, sie kannte jede Unebenheit auf dem ansonsten glatten Metall. Nach vorne spitz zulaufend, leicht und dennoch robust genug, um die vollen Honigwaben anzuheben. Der Haken war ihr verlängerter Arm.
In jenen Momenten, in denen sie geduldiger und nachsichtiger mit sich war, empfand Angelica dieses Werkzeug als ihr Markenzeichen. Miguel Lopez hatte es für sie angefertigt, der Verwalter des spanischen Imkerbetriebs, in dem sie die ersten Jahre gearbeitet hatte, nachdem sie von zu Hause weggegangen war. Über dem Landgut spannte sich ein tiefblauer Himmel, die Erde der umliegenden Hügel war rot, ideale Standortbedingungen für Rosmarin, dessen silbrig grüne Blätter in der Sonne glänzten. Damals hatte Angelica nur wenig gesprochen, was der alte Imker sehr geschätzt hatte. Deshalb hatte er sie auch auf seine Kontrollgänge zu den Bienenstöcken oder bei der Suche nach neuen Standorten mitgenommen.
Miguel hatte schnell erkannt, dass sie die Sprache der Bienen verstand. Eine äußerst seltene Gabe. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie jemanden wie Angelica Senes getroffen. In dieser jungen Frau steckte etwas Besonderes. Etwas Ererbtes aus alter Zeit.
Er hatte sie heimlich beobachtet. Sie redete nicht nur mit den Bienen, sie sang auch. Sie sang für die Tiere. Wenn ihre glockenreine Stimme über den blassblau schimmernden Rosmarinfeldern aufstieg, spürte Miguel, wie sein altes Herz schneller zu schlagen begann. Ein intensives Gefühl rief ihm Dinge ins Gedächtnis, die seit Jahren vergraben waren. Als er Angelica nichts mehr vermitteln konnte – sie wusste mehr über Bienen als irgendjemand sonst –, beschloss er, ihr etwas zu schenken, das sie nicht besaß: einen handgefertigten Wabenheber.
Ihr verlängerter Arm.
Er hatte den Haken aus einem Hufeisen geschmiedet, mit unendlicher Geduld, Schritt für Schritt, für schmale Finger und besonders leicht. Genau richtig für eine Frauenhand.
Seit jenem Tag trug Angelica den Metallhaken immer bei sich. Auch jetzt, während sie zum zweiten Rosmarinfel