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London, zehn Tage zuvor
Es war Freitagabend. Der Trafalgar Square wimmelte von Touristen, Theaterbesuchern auf dem Weg zum nahe gelegenen Piccadilly Circus und von gestressten Angestellten, die sich nach einer anstrengenden Woche auf ihren langen Heimweg machten. Autos, Taxis und Busse drängelten sich auf den verstopften Straßen rings um den Platz, und dazwischen schlängelten sich Fahrräder und Mopeds, oft von gereiztem Gehupe begleitet, an den langsameren Fahrzeugen vorbei.
Es war einer jener milden, etwas diesigen Abende, wie sie für den Spätfrühling in der Metropole typisch waren, und nur eine kaum spürbare warme Brise strich durch die geschäftigen Straßen. Über den Köpfen begann die Sonne ihren langen Abstieg durch die wenigen zarten Wolken, die über den ansonsten strahlend blauen Himmel zogen.
Alex Yates schlürfte seinen Espresso und ließ dabei seinen Blick mit beiläufigem Interesse über den weiten Platz schweifen. Seine Augen blieben hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, während er alles auf sich wirken ließ. Drüben bei den Zierbrunnen, die den Platz flankierten, steuerte ein Trupp durchgestylter Aktienhändler aus dem nahe gelegenen Bankenviertel nordwärts, vermutlich zu einer jener angesagten Weinbars in Soho. Sie gaben sich gewichtig, waren teuer gekleidet und legten eine vorgetäuschte Munterkeit an den Tag, so als wollte jeder von ihnen seine Kameraden davon überzeugen, dass die globale Finanzkrise nur ein vorübergehendes kleines Unwetter war, das sich schon bald verziehen würde, wenn wieder einträglichere Zeiten zurückkehrten.
Nicht weit von dieser Zurschaustellung von verzweifeltem Optimismus hastete ein genervt aussehender Mann mittleren Alters mit schütterem grauen Haar in einem altmodisch geschnittenen Anzug zur Treppe der U-Bahn-Station Charing Cross. Ein hart arbeitender Mann – vielleicht von der Stadtverwaltung –, der sein Leben in einem schäbigen Büroverschlag vergeudet hatte, oder ein kleiner Angestellter, den Stress, Vorschriften und Termindruck vorzeitig hatten altern lassen.
Vor den Stufen streifte er eine Blondine, die sich langsam von der Nationalgalerie entfernte. Groß gewachsen und mit athletischer Figur, gekleidet in teure Jeans, eine schwarze, taillierte Bluse und eine geschmackvolle braune Lederjacke, war sie der Inbegriff lässiger Eleganz. Sie hatte ein ausgesprochen hübsches Gesicht mit einem ausländischen Einschlag, strahlte aber eine gewisse Härte aus, die Alex dazu brachte, etwas genauer hinzuschauen.
Vielleicht spürte sie seinen rastlosen Blick, wie es attraktive Frauen öfter taten, jedenfalls sah sie in seine Richtung, und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Selbst von der gegenüberliegenden Seite des Platzes aus verblüfften Alex ihre eisblauen Augen, deren Blick ihn zu durchbohren schien. Zweifellos fragte sie sich, ob er sich wohl als Stalker entpuppen würde.
Ihm war klar, dass er tunlichst vermeiden musste, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, deshalb schaute Alex rasch wieder weg und ric