: Reinhard Knodt
: Undinen Unmögliche Liebesgeschichten
: PalmArtPress
: 9783941524514
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 176
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
UNDINEN müssen nicht unbedingt einen Fischleib haben, wie die Undine im Märchen, und sie finden sich auch nicht nur im Wasser, sondern zum Beispiel auch im Supermarkt oder im Klavierkonzert. Wie sich Beziehungen trotz ihrer Unmöglichkeiten entfalten und wie sie trotz höchster Gefühle enden, führt Reinhard Knodt in einem Reigen von 15 Erzählungen vor. Die Begegnungsvarianten sind reichhaltig. Selbst mit einem Engel versucht es der Autor. Aber auch die Verhinderungsgründe sind von zwingender Logik und gelegentlich so absurd schön, dass man am Ende zugibt, nur das dauernd verhinderte Ende ist die eigentliche Konvention der Liebe, und die Haltbarkeit einer Ehe erfordert gar höhere Philosophie. Wie fangen die Liebesgeschichten an, wie hören sie auf? Was ist eine Begegnung und ihr sensibler Punkt, was geschieht bei einer Trennung? Warum geht es so oft los und selten gut? Was ist wahrer Liebesbetrug? Warum versäumen wir beste Gelegenheiten? Warum geht es trotz Liebe auseinander und warum halten die kuriostesten Liaisonen? Weil es für all diese Fragen keine endgültigen Antworten gibt, daher gibt es die Undinen, also unmögliche Liebesgeschichten von der flüchtigsten bis zur tiefsten Berührung, die alle zusammen immer nur das Eine sagen: Die Liebe ist wie das Gras.

1951, Studium in Philosophie (Gadamer) Literatur (Gerh. Neumann) und Politik. 1978 Irlandaufenthalt, erste Kurzgeschichten und Lieder. 1985 Herausgabe einer Literaturzeitschrift (Nürnberger Blätter) Ab 1986 regelmäßig Literatur, Hörspiele und Feature im Bayerischen Rundfunk; 1984 Promotion; Assistentenstelle für Philosophie; 1991 USA-Aufenthalt. Ab1992 freiberuflicher Schriftsteller; Publizistische Tätigkeit, viele Kunstreden und essayistische Beschäftigung mit bildender Kunst und Architektur. Lehrt seit 2001 mit Unterbrechungen Kunstphilosophie an der UDK Berlin.

Der Vogel

Hand in Hand, Hand im Haar, das rote Band im Haar. Es konnte nur ein Märchen sein. Angst vor dem Schock am anderen Morgen oder vielleicht schon vor dem Haus, wenn sie sagen würde, sie wolle im Taxi bleiben. Genauso ihre Angst. Angst im Hinaufgehen, Angst im Übermut, in der Eile, im Küssen, im Wegsehen, im Ansehen. Die Suche nach dem Einwand, die Suche schon jetzt nach dem möglichen Zeitpunkt, an dem sie sich beide einen kleinen Berg Wirklichkeit vor die Füße werfen würden. Wieder der Sieg der Wirklichkeit. Ende des Tanzes. Es konnte nur ein Märchen sein.

Das Band hielt das Haar nicht mehr, lag vielmehr auf dem Boden, auf dem Nachtisch, auf dem Kissen, auf dem liebefeuchten Kissen, und der Prinz rauchte eine Zigarette und sah auf die grünen Zeiger, lächelte sein Märchenlächeln, lächelte noch einmal sein Märchenlächeln, fuhr wie geistesabwesend mit der Hand über ihren Bauch, über ihre Brüste, stützte den Kopf auf und sah auf die sich beruhigende Bewegung in ihrem Blick, der schwarz durch ihn durchging.

Spaziergänge durch Heidegras und Sommerwälder gab es noch nicht, gab es erst später, und bevor er sie an die Rinde der Birke lehnte oder an das trockene Holz des Baumes, in den oben der Specht sein Loch grub und grub und bohrte, stand sie auf und sah ihn an, in dieser Nacht. Sie stand bewegungslos und sie hörten die erste Bahn vorbeirollen. Sie hörten sie beide vorbeischliddern auf kalten Geleisen, während sie sich anzog. Woher sollte er auch wissen, dass sie verheiratet war. „Ich weiß nicht, wie das in einer Wohngemeinschaft ist.“ In ihm stieg Hohn auf, als er antwortete „Ich weiß auch nicht, wie das bei Euch ist, Euch Ehefrauen.“ Aus der neuen Prinzessin war im Handumdrehen eine verlotterte Königin geworden. Die roten Nägel ihrer Finger, das Blinken des Brillenrandes. Die wiederaufgesetzte Brille, Brille, Blondhaar; kein Funken Erinnerung an vor einer Stunde. Ihr Haar abstehend nach allen Seiten. Kleine Würmchen zwischen den Haarwurzeln. Lauter winzige Würmchen zwischen den Haarwurzeln, zwischen den Haaren sich windend, schlängelnd. Die Augen, die Lider streiften sie von den Augäpfeln — haarfeine sich windende Fäden. Er fuhr sich mit der Hand unwillkürlich übers Gesicht, wollte ihr übers Gesicht fahren, zärtlich wie ein Automatismus der Zärtlichkeit. Sie wehrte ab, er tat es dennoch. Sie ließ es zu und umarmte ihn plötzlich wieder. Weiches, haarumkränztes Gesicht im Nachtlicht, im beginnenden Morgen, im Tau im Gurren der Tauben auf den Fenstersimsen! Die wieder abgestreiften Kleider, Sonnenlicht im Anflug auf die Stadt und das Ziffernblatt. Ihre winzige viereckige Uhr, auf die sie immer wieder blickte um den Zeitpunkt des Aufbruchs nicht zu versäumen. Ein viereckiges Ziffernblatt.

Ihr Abschied! Ohne Name, ohne Adresse, ohne, ohne, ohne. Er sah sich telefonieren, aus einem Vornamen und spärlichen Erzählungen kombinieren. Der Blick an die Decke auf dem Rücken liegend. Liegen, liegen und nach oben sehen, ruhig werden. „Warum, es ist ihr gutes Recht“ sagen. Muster an die Decke malen. Ihr Haarband wiederfinden. So einfach wiederfinden, wie man spielt. Mit irgend einem Gegenstand spielen und allmählich darauf kommen, was man in der Hand hält.

Waschen, duschen, den Tag zelebrieren. Die Fenster aufreißen. Sonne, Luft hereinlassen, Ströme von Luft. Den Raum atmen lassen. Lassen, lassen gehen lassen. Die Tauben gegenüber in der Sonne auf dem heißen Blechdach sitzen einfach da und rühren sich nicht.

Immer stärker wird der Tag. Staubriechend, flirrend, traumlos, geheimnisvoll. Das Gefühl, nicht ausgeschlafen zu sein, die gesteigerte Wachheit. Die nutzlose Trauer in ihren ersten Spuren. Keine Möglichkeit, später auf der Decke mit Ihr die Sonne untergeben zu sehen, auf den Mond zu warten. Keine Chance, ihren nackten Rücken an die Baumrinde zu drücken, zaghaft, schmerzhaft, wie im Spaß. Nicht das plötzliche Erkennen, dass man sich gegenseitig eine Spur lustvollen Sadismus zugestehen würde, denn was ist schon die Reinheit des Gefühls gegen einen weit nach hinten gebogenen, einen zurückgebogenen Hal