: Marta Karlweis
: Ein österreichischer Don Juan Roman
: DVB Verlag
: 9783950415827
: 1
: CHF 13.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 270
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der 1929 erstmals erschienene Roman zielt auf die gnadenlose Entzauberung der Monarchie ab und will dabei die tiefer liegenden Ursachen ihrer Auflösung rekonstruieren. Auf raffinierte Weise dekuvriert er die moralische Doppelbödigkeit der herrschenden Schichten zur Zeit der ausgehenden Habsburgermonarchie: Der wohlhabende Wiener Baron Erwein von Raidt ist ein Frauenheld, wie er im Buche steht. Sein Verhältnis mit der schönen Witwe Löwenstein lässt er schnell fallen, als er ihrer bezaubernden 21jährigen Tochter Cecile begegnet. Nachdem diese schwanger wird, bricht er auf der Stelle den Kontakt zu ihr ab. Um das Dekorum zu wahren, verkuppelt er sie mit einem nichtsahnenden Industriellen. Als Cecile endlich den wahren Charakter Erwein von Raidts durchschaut, ist sie bereits unheilbar krank. Für den einstigen skrupellosen Frauenhelden und Bonvivant vergehen die Jahre weiter mit Liebesabenteuern, Verführungen und Eroberungen - bis ihn schließlich seine letzte Geliebte verwandelt und zu ihrem hörigen Sklaven macht. 'Marta Karlweis ist nach Maria Lazar die zweite Autorin, die man dank des Verlags 'Das vergessene Buch' wiederentdecken kann. [...] eine röntgenscharfe Charakterstudie' - Florian Welle, Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2016 'In ihre Feder ist ein Diamant gefaßt, der auf manche Seiten ihres Werkes blendendes Licht wirft, Seiten, die uns packen und erschüttern und uns zwingen, ihnen in unserem Gedächtnis ein dauerndes Asyl zu bieten.' - Joseph Chapiro, Neues Wiener Journal, 2. Dezember 1930

Als der junge Erwein von Raidt am 30. Januar 1889 aus dem Portal des Jockeyklubs in den eisigen, finsteren Nachmittag hinaustrat, redete ihn ein Mensch mit über dem Kopf gelüpftem Hut so schnell und dringlich an, daß er ein wenig zurückwich und erst im zweiten Augenblick den Kutscher seines eigenen ‚Unnumerierten‘ erkannte, den Fiaker Wodiczka, genannt der Grafen-Toni. Was ihm der Grafen-Toni zuraunte, klang wie ein tolles Gerücht, aber weil es schrecklich war, glaubte es der junge Raidt sofort. Der hübsche Kavalier besaß eine Hinneigung zum Schrecklichen. Er hat nach Jahrzehnten unverbrüchlichen Schweigens und erst nach dem Zusammenbruch der Monarchie zuweilen durchblicken lassen, daß er damals vom Grafen-Toni die Wahrheit erfahren habe: Mord und Selbstmord des Kronprinzen in Mayerling. Der undurchdringliche Nebel von Mutmaßungen, Verdächtigungen, Schauermärchen, Halbwahrheiten und Lügen quoll erst vierundzwanzig Stunden später in dicken Wolken über die Stadt Wien.

Im Salon der Fürstin F., wo er erwartet wurde, erschien er wie ein Betrunkener, aber totenbleich. Die Nachricht bestätigte sich. Die Verwirrung war unbeschreiblich. Raidt blieb die ganze Nacht in der Wohnung eines Freundes wach. Als er am 31., einem Donnerstag, endlich heimfuhr in die Salesianergasse, befahl er dem Grafen-Toni, einen kleinen Umweg zu machen. Er wollte nicht an dem Hause vorüberfahren, in dem die Mary Vetsera gewohnt hatte. Immer sah er den Mund vor sich, die feuchte rote Blüte in dem strahlenden Kinderantlitz. Ihr Gang war ein eigentümliches Schwimmen in zu früh erblühter Sinnlichkeit, in allen zartesten Schatten des üppig-schwärmerischen Gesichtes nistete verliebte Träumerei. Und doch ein Kindergesicht und trotz aller Fülle fast noch der unschuldige Körper eines Kindes. Während Erwein Raidt in seiner Wohnung einen Kognak nach dem anderen hinunterstürzte, lag dieser Körper, in ein schwarzes Kleid und einen Pelz gewickelt, schon in eisiger Gruft draußen in Heiligenkreuz.

Über Wien wälzte sich Bedrückung, fast Entsetzen. Fremde Leute redeten einander auf der Straße an. Kinder, die Rudolfs Leichenzug gesehen hatten, wurden krank und schrien nachts aus dem Fieber. Alle fühlten das Erdbeben, jedoch kaum einer versuchte, es ganz zu verstehen. Ein Dichter schrieb:

Kehrt in euch, des Unheils Waage steigt!

Erwein las diese Worte und schickte dem Dichter Lorbeeren und weiße Rosen. Der Fürstin F., die ihn im diplomatischen Dienst protegieren wollte, schrieb er einen ehrfurchtsvollen Brief und erklärte, es sei sein unumstößlicher Entschluß, überhaupt in keinerlei Dienst zu treten. Ein abgründiger Pessimismus bemächtigte sich des leichtfertigen jungen Menschen. Mit einem verehrten, bedeutend älteren Verwandten, einem berühmten Arzt, hatte er einen argen Auftritt. Er behauptete, die greulichen Doktrinen der Zeit, die preußische Pest des sogenannten Fortschritts habe den Kronprinzen in den Abgrund gestürzt. Als derMann der Wissenschaft hierauf entgegnete, der Erzherzog sei nichts gewesen als ein Degénéré supérieur, zudem den Weibern, dem Alkohol und dem Morphium verfallen, erhob sich Erwein und knallte die Tür des Hauses für immer hinter sich zu.

Er vergaß nichts. Er war überhaupt nicht fähig, irgend etwas zu vergessen.

Im Mai drang eines der hundert Gerüchte von kompromittierenden Briefen des Kronprinzen, die sich in den Händen einer dubiosen Person befänden, auf besonders glaubwürdige Art zu ihm. In der Gesellschaft hatte es im Winter geheißen, der Erwein Raidt besitze mehr Herz, als man vermutet habe. Im Mai war diese Überraschung schon vergessen. Man konnte nicht gedankenloser leben als der junge Raidt. Er war so sehr bekannt als Don Juan, daß sein Diener Merlitschek ganz allgemein der Leporello hieß. Und die Liste dieses Leporello war kaum unbetr