1. Willkommen in Neukölln
»Und, trinkst du schon wieder?«, fragte Sammy seine Mutter.
»Was redest du für dummes Zeug? Ich hatte einen harten Tag. Ich entspanne mich.«
Die Leute in seinem Viertel sagten oft, dass Sammy dummes Zeug redet, wenn er sich über Dinge aufregte, die nicht in Ordnung waren. Er wusste, dass das nicht stimmte. Er erzählte keinen Quatsch. Sammy verstand nur nicht, warum die Leute ihm das immer einreden wollten. Das, was ihn wütend machte, war doch ganz offensichtlich nicht in Ordnung. Jeder, der Augen im Kopf hatte und nur ein bisschen bei Verstand war, konnte das sehen. Er fragte sich, ob das alles vielleicht zu offensichtlich war, sodass kein Erwachsener glaubte, noch darüber reden zu müssen. Vielleicht konnten die Erwachsenen in seinem Viertel all das aber auch schon nicht mehr sehen. Sammy wusste es nicht. Er wusste nur, dass seine Mutter in diesen Fragen genauso war wie die meisten hier. Und das kotzte ihn an.
Jennys Hände hielten sich an einem halb gefüllten Glas fest, das man für ein Wasserglas halten konnte, wenn ihm nicht wieder dieser beißende Geruch aus dem Mund seiner Mutter entgegengeschlagen wäre, den jene ätzende Flüssigkeit verbreitete, die sie nun in einem Zug hinunterkippte. Sammy hasste es, von diesem Geruch begrüßt zu werden, wenn er aus der Schule kam.
»Es ist erst vier Uhr, Mama. Das wird noch ein harter Tag.«
»Werde nicht frech zu deiner Mutter.«
Sammy schwieg.
Er lehnte im Türrahmen und versuchte, ihren Blick aufzufangen. Es war nicht so, dass er glaubte, in ihren Augen eine Betriebsanleitung zu finden, in der stand, was ein Vierzehnjähriger tun muss, wenn seine Mutter an einem sonnigen Septembernachmittag im Bademantel auf dem Sofa neben einem Mann sitzt, den er noch nie gesehen hatte, in den Fernseher glotzt und eine Flasche Schnaps für 5,49 Euro vom Späti um die Ecke leert.
Das Wohnzimmer war abgedunkelt, nur der Fernseher spendete flackerndes Licht. Um die Sonne und die Blicke der Nachbarn nicht hereinzulassen, ließ seine Mutter an solchen Tagen meist die Rollläden runter. Vielleicht hatte sie aber heute auch nur keine Lust gehabt, sie morgens hochzuziehen. Sammy wusste es nicht.
Wenn er in diesen Momenten in die wässrig blauen Augen seiner Mutter schaute, sagte ihm ein untrügliches Gespür, dass dieser sonnige Scheißtag noch eine Menge Arbeit für ihn bereithalten würde. Sammy kannte diese Tage nur zu gut.
»Wo sind Pascal und Janis? Noch nicht von der Schule zurück?«, fragte er.
»Keine Ahnung, hab sie nicht gesehen.«
Seine Mutter sah kurz zu ihm hoch. Die vom Wodka erschlafften Lider gaben nur einen schmalen blauen Streifen frei. Sammy kannte diesen Blick. Er hasste ihn, fürchtete ihn aber nicht mehr so sehr wie vor ein paar Jahren, als der Alkohol allmählich anfing, von seiner Mutter Besitz zu ergreifen.
Ihre Augen waren nur noch zwei blasse Aquamarine, die sich hinter halb geschlossenen Lidern verbargen. Das leuchtende Blau, das er so geliebt hatte und, mit dem sie ihn früher angestrahlt hatten, war nur noch eine ferne Erinnerung.
Sammy hätte diese Z