Kapitel 1
Mitte des 19. Jahrhunderts, vor den Toren Prags
Das Trommeln ihrer Sohlen auf dem froststarren Waldboden hallte durch die Dunkelheit. Die eisige Luft schnitt sich schmerzhaft in ihre Lungen. Hinter ihr ertönten noch immer Danielas Schreie, die mit jedem Schritt leiser wurden. Angst kroch ihren Rücken hinauf und setzte sich wie eine eisige Spange im Nacken fest. Die Miene der Mutter ging ihr nicht aus dem Sinn, voller Sorgenfalten und Furcht in den Augen. „Katja, lauf zum Schloss zurück! Aber versprich mir, dass du nicht umdrehen wirst!“
Noch nie hatte sie ihre Mutter so aufgewühlt erlebt. Katja fühlte sich hilflos. Wegrennen? Niemals! Nur an der Seite ihrer Eltern wäre sie sicher. Sie hatte sich heulend an Mutters Mantel geklammert, bis sie sanft weggeschoben worden war. „Katjuscha, du bist doch mein vernünftiges Mädchen. Höre auf mich. Nimm Danielas Hand, und dann rennt, so schnell ihr könnt!“ Ein letzter Kuss der Mutter, bevor Katja Danielas Hand ergriffen hatte. Dann waren sie wie von Furien gehetzt zum Wald gerannt, das Surren der fremden dunklen Geschöpfe hinter ihnen.
Katjas Herz klopfte schwer in der Brust.
Weiße Atemwolken schwebten vor ihrem Mund. Es kostete sie Mühe, mit der um einen Kopf größeren Daniela mitzuhalten. Vor ihnen lag zum Greifen nah der Wald am elterlichen Schloss. Tränen brannten in Katjas Augen. Nur schwach erhellte das Mondlicht ihren Weg.
Unerwartet stoppte Daniela. „Sieh, gleich haben wir es geschafft!“ Katja hörte die Erleichterung aus der Stimme ihrer Schwester und blickte zu den hell erleuchteten Fenstern des Schlosses hinüber, hinter denen sie sicher wären. Ehe sie jedoch etwas erwidern konnte, zog Daniela sie weiter. Anstatt die Wiese zu überqueren, wählten sie den längeren Weg am Waldrand entlang. Katjas Beine wurden schwer, immer wieder stolperte sie. Zweimal rappelte sie sich wieder auf, bis sie schließlich der Länge nach hinfiel. Ihre Knie brannten. Tränen schossen ihr in die Augen, als Daniela sie drängte, aufzustehen. Aber Katja war zu erschöpft, um sich aufzurappeln. Warum kam denn ihre Mutter nicht nach? Sie hatte es doch versprochen!
„Steh doch auf, Katjuscha!“ Daniela klang verzweifelt und zerrte an Katjas Arm, die sich wehrte. Sie konnte einfach nicht mehr. „Nein! Nein!“
„Wir müssen weiter. Also steh endlich auf!“ Daniela zog sie hoch und wollte erneut losrennen. Aber Katjas Waden krampften und sie knickte ein. Erschöpft sank sie auf den Boden. „Du musst, Katja. Bitte, bitte, steh auf.“ Danielas gutes Zureden half nichts.
Erst ein markerschütternder Schrei löste Katjas Starre. Vater! Er brüllte vor Schmerz wie ein verwundetes Tier. Eine eisige Hand umklammerte ihr Herz. Sie sah zur Schwester auf, in deren Blick die gleiche Furcht lag.
„Vater, Mutter …Heiliger Michael, steh uns bei“, flüsterte Daniela und bekreuzigte sich. In ihren Augen schimmerte es feucht, als sie sich zu Katja herabb