: Heiko Werning, Volker Surmann
: Ist das jetzt Satire oder was? Beiträge zur humoristischen Lage der Nation
: Satyr Verlag
: 9783944035628
: 1
: CHF 8.00
:
: Anthologien
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Was darf Satire? Was kann Satire? Was soll Satire? Gut dreißig Autorinnen und Autoren, darunter zahlreiche aus Titanic und taz-Wahrheit bekannte, gehen diesen Fragen nach. Ein Lesebuch mit famosen Satiren, geschickt gefakten Reportagen und spitzen Reflexionen zu Macht und Grenzen des Genres. Nach dem Attentat auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo wurde auch hierzulande wieder viel über das Wesen und die Aufgabe von Satire diskutiert. Heiko Werning, taz-Autor und ständiger Mitarbeiter der Titanic, und Satyr-Verleger Volker Surmann haben für diesen Band meisterliche Satiren zur bundesdeutschen Gegenwart gesammelt sowie süffisante Beiträge über Satire und ihre Rezeption zusammengetragen. Die Lage ist kurios: Satire ist so populär wie nie zuvor, das Netz ist voll mit humoristischen Seiten, doch das Satireverständnis als solches scheint sogar abzunehmen. Die aggressiv bis verunsichert vorgebrachte Frage in den Online-Kommentarspalten fehlt nämlich unter kaum einem Beitrag: 'Ist das jetzt Satire oder was?' Grund genug, ein satirisches Lesebuch herauszubringen und das Verhältnis der Deutschen zur Satire gründlich zu hinterfragen - natürlich satirisch. Mit Beiträgen von Leo Fischer, Tim Wolff, Ella Carina Werner, Sebastian Krämer, Hauck& Bauer, Christian Bartel, Anselm Neft, Margarete Stokowski, Katharina Greve, Elke Wittich, Torsten Gaitzsch, Nils Heinrich, Ahne u. v. a. m.

Heiko Werning (Hrsg.) wurde 1970 in Münster geboren und lebt seit 1991 in Berlin. Er ist ständiger MItarbeiter des Satiremagazins Titanic, er bloggt und schreibt für taz, Jungle World und andere Medien. Der studierte Umweltwissenschaftler ist zudem Reptilienforscher und Chefredakteur des Magazins Reptilia, betreibt das Berliner Independent-Label 'Reptiphon' und liest bei den Lesebühnen 'Brauseboys' und der 'Reformbühne Heim& Welt'. Bislang erschienen von ihm fünf humoristische Kurzgeschichtensammlungen, zuletzt: 'Im wilden Wedding' (Edition Tiamat: 2014). Volker Surmann (Hrsg.) ist Satyr-Verleger und Autor. Er lebt seit 2002 in Berlin, liest bei den 'Brauseboys', veröffentlicht Romane, Kurzgeschichten und Anthologien und schreibt für das Kabarett 'Die Stachelschweine' sowie Glossen und Kolumnen für diverse Printmedien. Zuletzt erschien sein Roman 'Extremely Cold Water' (Voland& Quist: 2014), im Herbst 2015 wird sein dritter Roman 'Mami, warum sind hier nur Männer?' bei Goldmann veröffentlicht. Mit Heiko Werning stellte er schon die Satyr-Anthologie 'Fruchtfleich ist auch keine Lösung' zusammen.

I.
UND JETZT ALLE: WAS DARF SATIRE?


WAS DARF DIE SATIRE?


Kurt Tucholsky

Frau Vockerat: »Aber man muß doch seine Freude haben
können an der Kunst.«
Johannes: »Man kann viel mehr haben an der Kunst als
seine Freude.«
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: »Nein!« Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: »Seht!« – In Deutschland nennt man dergleichen ›Kraßheit‹. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ›Simplicissimus‹ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prüg