Lothar Fürst von Diepold stand auf dem Wehrgang seines Schlosses und sah den beiden Segelfliegern zu, die über seinem Kopf ihre Kreise zogen. Fast glaubte er, die lachenden Gesichter der Piloten, die seine Söhne waren, zu erkennen. Früher war er selbst ein leidenschaftlicher Segelflieger gewesen, und mit seiner Begeisterung hatte er auch die Prinzen angesteckt.
Seit der inzwischen zweiunddreißigjährige Tassilo und der sieben Jahre jüngere Marius ihre Flugscheine hatten, nutzten sie jede Gelegenheit, um ihre Heimat aus der Vogelperspektive zu betrachten, sobald es das Wetter und die Thermik erlaubten. So wie heute, an diesem herrlichen Spätsommertag im September.
Für den Prinzen und seine Söhne gab es nichts Schöneres, als das stolze Schloss mit seinen verwinkelten Bauten und den spitzen Türmen von oben zu bewundern.
Das alte Gemäuer thronte auf einem schroff abfallenden Hügel in den bayrischen Bergen und war zu früheren Zeiten schier uneinnehmbar gewesen. An der Rückseite war der Schlossberg mit dem Gebirgsmassiv verwachsen. Rings um den Schlossberg herum schmiegte sich ein tiefer See, in dessen glasklarem Wasser sich die Silhouette der alten Burg spiegelte. Die dicken Mauern der Festung hatten dem Feind kaum eine Chance gelassen, die Burg zu erobern, die zu damaligen Zeiten nur über einen schmalen Pfad zu erreichen gewesen war, der gerade einmal einem Eselskarren Platz geboten hatte.
Heute führte eine breite, asphaltierte Straße in vielen Windungen zum Schloss hoch, das auch eine Touristenattraktion war. Die Privatgemächer der fürstlichen Familie, die sich im Westflügel befanden, waren allerdings von den Besichtigungen ausgeschlossen. Ebenso war der Schlosspark, der sich fast den ganzen Hang hinaufzog, für unbefugte Besucher nicht zugänglich.
Die Segelflieger nutzten geschickt den Aufwind und stiegen wieder in die Lüfte. Spielerisch jagten sie einander hinterher.
Fürst Lothar lächelte in sich hinein. Seine Söhne waren ein Herz und eine Seele, aber sie neckten sich auch gern und forderten sich gegenseitig heraus. Beide waren sehr sportlich, liebten das Segelfliegen und kletterten gerne in den Bergen. Aber leider fanden die Prinzen nur noch wenig Zeit für ihre Hobbys.
Prinz Tassilo wohnte eine gute Fahrstunde vom Schloss entfernt in München. Er hatte Medizin und Biologie studiert und arbeitete jetzt in einem Krebsforschungsinstitut in der Großstadt. Trotz seiner Jugend steuerte er bereits auf den Professorentitel zu.
Der Erbprinz war ein brillanter Forscher, aber ein miserabler Vertreter seines Standes. Er verabscheute das Rampenlicht der Öffentlichkeit und kam nur widerwillig seinen Repräsentationspflichten nach. Dazu war er introvertiert und vergrub sich in seine Arbeit oder zog sich in die verschwiegene Jugendstilvilla am Münchner Stadtrand zurück, die zum fürstlichen Besitz gehörte. Dabei wäre es für den Erbprinzen an der Zeit, sich nach einer Gattin umzusehen, die ihm half