Marie Leitner beugte sich weit über das Holzgeländer des Balkons und schaute hinüber zu den Wiesen, die zum Linden-Hof gehörten und direkt an die des Kreuz-Hofes, des Anwesens ihrer Eltern, grenzten.
Es wäre fast schon ein Bild für die Fremdenverkehrswerbung gewesen: das bildhübsche Madel im knapp sitzenden, weißroten Dirndl, wie es sich über die roten und rosa Geranien beugte. Dazu der bayerisch-blaue Himmel, der sich seidig über den prächtigen, von Wohlstand zeugenden Hof spannte. Den Duft der Blumen in dem liebevoll gepflegten Vorgarten, den Gesang der Vögel und den Geruch nach Sommer und frischem Heu hätte man freilich nicht einfangen können. Die Aufnahme wäre aber auch ohne diese zusätzlichen Verlockungen einladend genug gewesen.
Aber Marie Leitner hatte ganz anderes im Sinn als Touristenwerbung. Nachdem sie gesehen hatte, was sie hatte sehen wollen, lief sie durch das Zimmer, die Treppe hinunter und aus der rückwärtigen Tür zum Haus hinaus – in der Hoffnung, dass die Mutter es nicht bemerkte.
Sie zog ihr Rad aus dem Schuppen und ermahnte den Hofhund Wastl, um Himmels willen still zu sein. Als er trotzdem aufgeregt fiepte, machte sie ihn mit einem ärgerlichen Seufzer von der Kette los, damit er mit ihr mitlaufen konnte, und schwang sich auf das Rad.
Und dann sauste sie so schnell los, wie sie nur konnte. Und wenn jetzt noch jemand gerufen hätte, sie hätte einfach getan, als würde sie nichts hören.
Einer hatte sie aber doch gesehen, und der grinste stillvergnügt vor sich hin. Und das war der Moser-Sepp, ein entfernter Neffe des Leitner-Bauern, den der mit ganz bestimmten Absichten auf den Hof geholt hatte. Absichten, von denen Sepp gar nichts hielt und von denen Marie nichts wusste. Hätte sie davon etwas gewusst, hätte sie davon noch weniger gehalten als der Sepp. Falls das überhaupt möglich war.
Sepp grinste so zufrieden, weil er sich durchaus denken konnte, wohin seine hübsche Base eilte.
Auf den Wiesen vom Linden-Hof fuhr nämlich der einzige Sohn des Bauern Benno Weigel, der Lorenz, das Grummet ein. Marie sah den Lorenz mehr als bloß gern. Und Lorenz war genauso in sie verliebt.
Merkwürdig war bloß, dass die jeweiligen Eltern noch nichts davon gemerkt hatten! Wo doch die zwei schönen Höfe, der Linden-Hof und der Kreuz-Hof, so einmalig günstig nebeneinander lagen und es sich schon aus diesem Grund anbot, die beiden Erben miteinander zu verhandeln.
Aber irgendwie war die Marie fünfundzwanzig Jahre alt geworden und der Lorenz sogar schon achtundzwanzig