: Andreas Schmidt-Schaller
: Klare Ansage Bekundungen und Bekenntnisse
: Neues Leben
: 9783355500241
: 1
: CHF 11.70
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: Biographien, Autobiographien
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es gibt Menschen, die einem - obgleich man ihnen noch nie begegnet ist - vertraut sind, als gehörten sie zur Familie ... Solch ein Mensch ist Andreas Schmidt-Schaller: bodenständig, geradlinig, unverbogen, uneitel. Homestorys kennt man von ihm so wenig wie Skandale. Ein Thüringer, der das Gespräch am Tresen mehr schätzt als den Smalltalk auf dem Roten Teppich. Jahrzehntelang schauen wir ihm nun schon ins Gesicht und beim Ermitteln über die Schulter. Und wir wollen wissen: Wer ist dieser Mann, der im Fernsehen für die SOKO Leipzig unterwegs ist? Der Schauspieler wird in diesem Jahr 70. Und endlich macht Schmidt-Schaller öffentlich, was ihn beschäftigt, ihn bewegt, wie er die Welt sieht. Zeit wurde es allemal!

Andreas Schmidt-Schaller, geboren 1945 in Arnstadt, wuchs in Weimar und Gera auf. Nach dem Schauspielstudium an der Theaterhochschule Leipzig arbeitete er zunächst am Theater, bevor er in den achtziger Jahren durch seine Rolle als Ermittler Grawe in der TV-Krimireihe 'Polizeiruf 110' im DDR-Fernsehen bekannt wurde. Er übernahm zahlreiche weitere Rollen und ist seit 2001 als Hauptkommissar Trautzschke in der ZDF-Serie 'SOKO Leipzig' zu sehen.

Woher komme ich, wer bin ich?

Ich bin ein uneheliches Kind. Gezeugt im letzten Kriegswinter des Tausendjährigen Reiches, geboren im ersten Friedensherbst. Von meinem Vater weiß ich nicht, woher er kam und was er machte. Er war sehr krank, meine Mutter besaß kaum Geld, und das ging für Medikamente drauf, die er benötigte. Er heiratete eine andere Frau. Dort war ich bisweilen zu Besuch. Er starb, als ich fünf war.

Großmutter nannte ihn abfällig Zigeuner. Vielleicht wegen seiner tiefschwarzen Haare. Es existieren wenige Fotos, aber keinerlei Belege, dass er mein tatsächlicher Erzeuger war.

Als ich vor einiger Zeit in Weimar den Friedhof aufsuchte, wo er 1950 bestattet worden war, sprach mich eine Friedhofsgärtnerin wegen eines Autogramms an. Das bekäme sie nur, antwortete ich, wenn sie mir etwas zu Rudolf Wagner sage, dessen Grab sich einmal hier befunden habe. In den Büchern las sie, dass er am 3. August 1909 in Naumburg geboren und gerade mal einundvierzig Jahre alt geworden sei. Nun werde ich meine Nach­forschungen auf Naumburg ausdehnen müssen.

Das Interesse für meine Herkunft und die Ursprünge der Familie setzte ein, als ich auf die sechzig zuging. Das ist vermutlich bei den meisten Menschen so. Je älter man wird, desto neugieriger ist man auf seine Wurzeln. Meine Neugier nahm seitdem stetig zu. Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich es einfach wissen muss: Woher komme ich?

Das Graben nach den Wurzeln beginnt wahrscheinlich erst deshalb im vorgerückten Alter, weil man bis dahin zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Arbeit kaum noch Überraschungen bereithält und auch die Eltern nicht mehr sind – meine Mutter starb 2012 –, bricht es durch. Und es wird einem schmerzlich bewusst, dass man es versäumt hat, die Vorfahren zu fragen, was man sie eigentlich hätte fragen müssen, als sie noch da waren. So ist denn vieles mit ­ihnen unwiederbringlich verschwunden.

Rudolf Wagner, der Vater, mit Sohn Andreas, Aufnahme 1946

Was das Motiv für ein solches Grübeln ist, vermag ich nicht zu beantworten. Vielleicht, weil einem zunehmend bewusst wird, dass die Zahl der Tage endlich ist, die man noch hat. Oder man sucht nicht nur um seiner selbst ­willen die Nachrichten über die Familie zusammen, sondern weil man festhalten und weitergeben will, was die Kinder nicht fragen. Wenn ich nicht mehr bin, sind auch meine Geschichten weg. Wäre doch schade, wenn die mit mir stürben.

Ich lebe jedenfalls nicht so geschichtslos wie inzwischen die meisten Zeitgenossen. In unserer Gesellschaft scheint nur die Gegenwart noch zu interessieren. Vergangenheit und Zukunft sind ohne Belang: Geschichte liefert allenfalls Anlässe für Events, ist reduziert auf Marketingfak­toren. Und die Zukunft? Nach uns die Sintflut. Lasst doch die Polkappen schmelzen und die Meeres