»Fergus Boggs!«
In dem ganzen wütenden Wortschwall, mit dem Father Murphy mich überschüttet, verstehe ich nur diese beiden Wörter, denn das ist mein Name. Der Rest ist Irisch. Ich bin fünf Jahre alt und erst seit einem Monat in Irland, nach dem Tod meines Vaters bin ich mit meiner Mammy und meinen Brüdern hierhergezogen. Alles ist furchtbar schnell passiert. Erst ist Daddy gestorben, und gleich danach sind wir umgezogen. Zwar war ich schon ein paarmal in Irland, in den Sommerferien, wenn wir meine Grandma, meinen Granddad, meinen Onkel, meine Tante und meine Cousins und Cousinen besucht haben, aber jetzt ist es ganz anders hier. Sonst war immer Sommer, aber jetzt hat es seit unserer Ankunft jeden Tag geregnet, und alles ist mir fremd. Sogar die Eisdiele ist geschlossen und verrammelt – als hätte es sie nur in meiner Einbildung gegeben, und der Strand, an dem wir im Sommer fast jeden Tag waren, sieht ganz anders aus. Der Pommes-Wagen ist verschwunden, die Leute sind dunkel und dick eingepackt.
Father Murphy steht vor meinem Tisch, groß und grau und breit. Wenn er schreit, spritzt die Spucke aus seinem Mund, und ich spüre genau, wie sie mein Gesicht trifft, aber ich habe Angst, sie wegzuwischen, denn wer weiß, ob ihn das nicht noch wütender macht. Vorhin hab ich mich kurz umgeschaut, weil ich wissen wollte, wie die anderen Jungs reagieren, aber da hat Father Murphy mir sofort eine gelangt. Mit dem Handrücken, das tat echt weh. Er trägt nämlich einen Ring, einen richtig großen, und ich glaube, ich hab eine Schramme im Gesicht. Aber ich trau mich nicht, mit der Hand nachzufühlen, denn womöglich scheuert er mir dann gleich wieder eine. Auf einmal muss ich dringend aufs Klo. Klar, ich hab schon öfter Prügel bezogen, aber noch nie von einem Priester.
Er brüllt weiter irische Wörter, und offensichtlich ist er wütend, weil ich ihn nicht verstehe. Immer mal wieder schiebt er englische Wörter zwischen die irischen, beschimpft mich und sagt, ich müsste ihn längst verstehen. Aber ich krieg das einfach nicht hin. Zu Hause kann ich kein Irisch üben. Mammy ist immer noch traurig, und ich will ihr nicht damit auf die Nerven gehen. Am liebsten sitzt sie einfach nur da, und sie kuschelt auch gern. Das gefällt mir, und ich möchte das Kuscheln nicht mit Reden kaputtmachen. Außerdem weiß sie bestimmt auch nicht mehr viele irische Wörter. Sie ist vor langer Zeit von Irland nach Schottland gezogen, da hat sie bei einer Familie als Kinderfrau gearbeitet und Daddy kennengelernt. Meine Eltern haben nie irische Wörter benutzt.
Der Priester will, dass ich ihm die Wörter nachspreche, aber ich kann kaum atmen, und sie kommen nur ganz schwer aus meinem Mund.
»Tá mé, tá tú, tá sé, tá sí …«
»LAUTER!«
»Tá muid, tá sibh, tá siad.«
Wenn Father Murphy gerade nicht schreit, ist es ganz still im Klassenzimmer, und das erinnert mich daran, wie viele Jungs in meinem Alter hier sitzen und die Ohren spitzen. Während ich die Wörter herauswürge, macht Father Murphy den anderen immer wieder deutlich, wie dumm ich bin. Ich zittere am ganzen Körper. Mir ist schlecht. Ich muss aufs Klo. Schließlich sage ich es ihm. Von jetzt auf nachher wird sein Gesicht puterrot, er holt den Lederriemen heraus und schlägt mich damit auf die Hand. Später erfahre ich, dass alte Pennys in den Riemen eingenäht sind. Ich kriege »sechs von den Besten« auf jede Hand, sagt Father Murphy. Ich halte den Schmerz nicht aus. Ich muss dringend aufs Klo, ich kann es nicht mehr bremsen. Eigentlich gehe ich fest davon aus, dass die anderen mich auslachen, aber keiner gibt einen Ton von sich, alle haben die Köpfe gesenkt. Vielleicht lachen sie später, vielleicht haben sie aber auch Verständnis. Vielleicht sind sie einfach nur froh, dass sie es nicht sind, die da stehen und sich vor aller Augen in die Hose machen. Ich schäme mich, es ist mir schrecklich peinlich, und Father Murphy schärft es mir auch mehrfach ein. Schließlich packt er mich am Ohr und schleift mich aus d