: Chrissie Hynde
: Reckless Mein Leben
: Heyne Verlag
: 9783641185992
: 1
: CHF 5.40
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine starke Frau

In ihrer ungewöhnlich ehrlichen Autobiografie schreibt Chrissie Hynde über ihre kleinstädtische Jugend in den Fünfzigerjahren, ihr musikalisches Coming-of-age in den Sechzigerjahren, das Kent-State-University-Massake , dessen Zeuge sie wurde, die Siebzigerjahre-Punk-Ära in London, die mit der Gründung ihrer legendären Band The Pretenders endete. Mit mehreren Nummer-eins-Alben und -Singles stiegen die Pretenders zu einer der erfolgreichsten Bands der Achtzigerjahre auf. Die Band musste aber auch schwere Niederschläge einstecken, zwei Mitglieder starben an ihrer Drogensucht.



Chriss e Hynde, geboren am 7.9.51 in Akron, Ohio. Mitte der Siebzigerjahre zog sie nach London, wo sie als Journalistin und Model arbeitete, bevor sie 1978 die Pretenders gründete, mit denen sie als Sängerin, Gitarristin und Songwriterin zahlreiche Hitsingles und Chartsalbum produzierte. Immer wieder arbeitete sie mit Größen wie Frank Sinatra, UB40 oder Sheryl Crow zusammen. 2014 erschein ihr erstes Soloalbum. Darüber hinaus ist sie unermüdlich als Tierschutzaktivistin und Vorkämpferin für Vegetarismus im Einsatz. Sie hat zwei Töchter und lebt heute in London.

DIE WUNDERSCHÖNEN BÄUME

Das Erste, was mir einfällt, sind nicht die Gummireifen, die Autos oder die Fabriken – sondern die Bäume, und sie werden meine Erinnerung für immer beherrschen.

Am Anfang war der Kirschbaum. Er hatte auf mich gewartet. Bäume haben Persönlichkeiten; ganz feine nur, aber selbst ein Baby kann sie spüren. Das Haus stand in der Hillcrest Street – wie der Name schon sagt, oben auf der Kuppe eines Hügels. Die Straße an sich war mit roten Steinen gepflastert. Wenn ein Auto darauf entlangfuhr, dann gab es ein ganz bestimmtes Geräusch, wie ein Spanier, der das R rollt. Ich liebte dieses Rattern, und ich liebte dieses Haus, das blau gestrichen war wie so viele Häuser in Akron. Es hatte eine überdachte Vortreppe, auf der man sitzen konnte, wenn es regnete. Ich liebte auch den kleinen Teich in Onkel Harrys Garten nebenan. Vor allem aber liebte ich den Kirschbaum.

Melville und Dolores, Bud und Dee genannt, Mr. und Mrs. M.G. Hynde. Akron, Ohio: Rubber City, die Gummistadt, die Autoreifenstadt. So lauteten die verschiedenen Namen der drei Elternteile, die mich aufzogen: Vater, Mutter, Heimatstadt.

Vater: blaue Augen, Uniform der US-Marines, Mundharmonika spielend. Hob mich so hoch in die Luft, dass ich die Decke hätte berühren können.

Mutter: perfekte Fingernägel, Elizabeth-Taylor-Frisur, rotweiß gestreiftes Kleid, makellos.

Heimatstadt: Straßen, Bäume, Bäche, die Jahreszeiten von Ohio. Alles, was ich wissen musste, habe ich von euch dreien gelernt.

Meine Mutter stammte aus Summit Lake. Ihr Vater, Jack Roberts, war Polizist in Akron gewesen. Ihre Mutter Irene, eine Näherin, spielte in der Presbyterianerkirche von Margaret Park Klavier. Es war ihr Haus, in das sie mich brachten, als meine Familie mich im September 1951 aus dem People’s Hospital abholte.

Wenn man sich im Sommer in Akron vergnügen wollte, dann fuhr man nach Summit Lake, wo man ein Boot mieten oder Karussell fahren konnte. Hier trafen sich Bud und Dolores die ersten Male. Dass sie sich begegneten, war gewissermaßen zwangsläufig: Seine Schwester Ruth hatte ihren Bruder Gene geheiratet.

In späteren Jahren beschäftigte sich mein Vater viele Stunden lang mit dem Familienstammbaum der Hyndes. Nachdem ich einen Schotten geheiratet hatte, arbeitete er sich sogar durch die standesamtlichen Archive im Rathaus von Edinburgh. (Ja, da läuft er durch die Kopfsteinpflasterstraßen, mein Dad, in Bermudashorts und Hush Puppies, den Blick immer nach oben gerichtet.) »Schottland – Heimat des Golfs«, wie es so schön auf dem Geschirrhandtuch hieß, das er von mir geschenkt bekam und über seiner Werkbank in der Garage aufhängte. Wenn er dort seine eigenen Golfschläger fertigte, lief im Radio die Polizeikapelle.

»Oh, Bud, wieso hörst du das bloß?« – Meine Mutter. Sie fand jede Art von Hinterwäldlertum schrecklich.

»Also, Christy, wissen deine Nachbarn, dass ihr Schotten seid?«, fragte er jedes Mal laut, wenn er mich später in London besuchte.

»Das interessiert