: Katrin Kastell
: Chefarzt Dr. Holl 1768 Was man als Wunder feierte ...
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783732519415
: Dr. Holl
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Seit Stunden schon wacht Matthias Christenberg am Bett der Fremden, die ihm das Liebste auf der Welt gerettet hat: sein Kind! Doch bei dem Versuch, den kleinen Tom aus der Gefahrenzone zu ziehen, ist Charlotte Lukas selbst schwer verletzt worden! Aller Voraussicht nach wird sie nie wieder gehen können! Dabei lag die Zukunft gestern noch hell und strahlend vor ihr, ihr Aufbruch in ein neues Leben, auf das sie jahrelang eisern hingearbeitet hat! Doch gefesselt an den Rollstuhl, wird sich ihr Traum, in Amazonien als Feldforscherin zu arbeiten, niemals verwirklichen lassen ...

Bei dem Gedanken zieht sich Matthias' Herz zusammen, und in dem jungen Mann reift ein folgenschwerer Entschluss ...

„Sie haben es wirklich geschafft! Ich weiß noch, wie Sie mit sechzehn das erste Mal zu mir in die Praxis kamen. Schon da haben Sie mir erzählt, dass Sie sich für die Lebensweise fremder Völker interessieren und dass Sie als Feldforscherin arbeiten wollen und Ethnologie studieren werden.“ Dr. Stefan Holl hatte wie die übrigen Gäste des kleinen Abschiedsumtrunkes in der Aula der Universität ein Glas Sekt in der Hand und stand neben seiner Frau Julia.

„Es gibt nicht viele Menschen, die ihr Lebensziel so früh kennen und es derart konsequent im Auge behalten. Alles Gute für Sie, und ich wünsche Ihnen, dass die Realität Ihre positiven Vorstellungen noch übertrifft!“ Der Arzt prostete seiner Patientin Charlotte Lukas zu, die er seit zwölf Jahren kannte und deren Weg er mit großem Interesse verfolgt hatte.

„Ich weiß gar nicht, ob ich so ausgeprägte Vorstellungen davon habe, was da auf mich zukommt. Was mich fesselt, ist die Tatsache, dass wir gerade nichts über den Alltag, die Traditionen und religiösen Vorstellungen dieses Stammes im Amazonasbecken wissen. Und diese Menschen wissen nichts über unsere Welt. Für sie sind wir vermutlich so skurril, wie Aliens es für uns wären“, antwortete die junge Forscherin mit leuchtenden Augen.

„Ich bin einfach nur offen und neugierig auf diese fremde Welt und bin mir zugleich bewusst, dass ich allein durch mein Dortsein diese Welt unwiederbringlich verändere. Das ist eine enorme Verantwortung, und ich hoffe, so wenig Schaden wie möglich anzurichten.“

Julia Holl nickte nachdenklich. „Hoffen wir, der Kontakt zur Außenwelt erweist sich als positiv für dieses Volk und wirft es nicht in absehbarer Zukunft aus der Bahn. In der Vergangenheit wurde da viel geschadet“, gab sie zu bedenken. Ethnologie war eines ihrer Steckenpferde.

„Ganz abgesehen von der Kulturdrift, die verheerende Konsequenzen haben kann, gibt es noch andere Gefahren. Wenn ich nur daran denke, wie viele Tote es bei Epidemien nach solchen Erstkontakten gab. Unsere Immunabwehr hat gelernt, mit zahllosen Viren und Bakterien umzugehen, mit denen diese Menschen noch nie in Berührung gekommen sind. Ein harmloser Schnupfen kann sie töten, und wir infizieren sie unabsichtlich damit. Ich habe erschütternde Berichte gelesen“, fuhr Julia Holl fort.

„Das stimmt leider, aber Professor Sybille Rainers ist vorsichtig und hält alle möglichen Schutzmaßnahmen ein. Holzarbeiter, die den Urwald roden, haben von dem vergessenen Volk erzählt, das in der Nacht vorüberhuscht, ohne dass man jemanden sieht. Es waren eher Gerüchte, aber Professor Rainers ist ihnen nachgegangen und hat den ersten Kontakt hergestellt“, erzählte Charlotte Lukas eif