: Eduard Geyer, Gunnar Meinhardt
: Einwürfe Über Fußball, die Welt und das Leben in Gesprächen mit Gunnar Meinhardt
: Neues Leben
: 9783355500234
: 1
: CHF 13.50
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: Biographien, Autobiographien
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Vor 25 Jahren, am 12. September 1990, fand in Belgien das letzte Länderspiel der DDR-Nationalmannschaft statt. Sie gewann mit 2 : 0, nicht zuletzt dank ihres Trainers Eduard Geyer. Für ihn ist das heute ein Anlass zurückzublicken: auf Fußball und Leistungssport, auf menschliche und gesellschaftliche Entwicklungen im Osten Deutschlands. Und 'Ede' Geyer nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Gespräch mit dem Sportjournalisten Gunnar Meinhardt klopft er nicht nur Sprüche, sondern äußert sich nachdenklich und kritisch, auch wenn er über die eigene Karriere spricht, die ihn vom Stürmer bei Dynamo Dresden (ab 1968) bis zum Trainer von Energie Cottbus (ab 1994) führte. Eduard Geyer war stets ein Mann der klaren Worte: 'Es hat nicht viel funktioniert in der DDR, aber der Leistungssport hat funktioniert.'

Eduard 'Ede' Geyer, geboren fünf Jahre vor Gründung der DDR an einem 7. Oktober, ehemaliger Fußballspieler in der DDR-Oberliga, mehrfacher DDR-Nachwuchsnationalspieler. Als Fußballtrainer war er in der DDR-Oberliga, für die DDR-Nationalmannschaft, in der Bundesrepublik Deutschland und im Ausland tätig. Gunnar Meinhardt, geboren 1958, ist Sportjournalist und arbeitete bei der 'Jungen Welt'. Von 1991 bis 2005 war er als Sportredakteur bei dpa, ab 1999 als Korrespondent in Los Angeles. Danach war er für 'Die Welt' tätig und berichtete von neun Olympischen Spielen. Zuletzt veröffentlichte er 'Ready to Rumble. Box-Boom Deutschland. Im Gespräch mit den Stars' (2013).

1. Kapitel

Letztes Länderspiel| 22 Absagen| Drei Strophen Nationalhymne| 70 000 D-Mark Prämie| Sammer zum Glück gezwungen| Kicker auf dem Sklavenmarkt| Nationalspieler ohne Ballberührung

Herr Geyer, haben Sie jemals mit Lothar de Maizière gesprochen?

Ja, wir trafen uns zweimal beim Semper Opernball und haben uns auch sehr nett unterhalten.

Auch über den 12. September 1990?

Nein.

Als letzter Außenminister derDDR hat de Maizière an jenem Tag in Moskau mit seiner Unterschrift unter dem sogenannten »Zwei-plus-Vier-Vertrag« dieDDR abgeschafft. Das auch von seinem Amtskollegen der Bundesrepublik, Hans-Dietrich Genscher, und den vier Siegermächten ratifizierte Abkommen gab Deutschland die volle Souveränität zurück und entließ das drei Wochen später vereinte Land aus der Verantwortung der Alliierten.

Und ich bestritt mit der Nationalmannschaft an diesem Tag in Brüssel gegen Belgien das letzte Länderspiel. So ist das Leben. In Moskau begann eine neue Epoche, wir verabschiedeten uns alsDDR-Auswahl für immer von der Fußballbühne. Von dem, was an dem Tag in Moskau ablief, bekamen wir in Brüssel aber nichts mit.

12. September 1990, 20 Uhr, Constant Vanden Stock Stadion in Brüssel – das 293. und letzte Länderspiel einerDDR-Fußball-Nationalmannschaft wird angepfiffen, nachdem gleich alle drei Strophen derDDR-Nationalhymne gespielt worden sind. Sie sitzen als Cheftrainer auf der Bank.

Das war ein denkwürdiges Ereignis, ohne Frage. Die beste Erinnerung ist natürlich, dass wir mit unserer Rumpfmannschaft die Belgier besiegt haben. Da muss ich in erster Linie den Spielern ein Riesenkompliment machen. Dass die, die mitgereist waren, sich so eingesetzt haben. Sie haben die Botschaft verstanden, die wir aussenden wollten.

DieDDR-Nationalmannschaft vor dem Anpfiff im Brüsseler Constant Vanden Stock Stadion zu ihrem 293. und letzten Länderspiel – Kapitän Matthias Sammer, Jens Schmidt, Andreas Wagenhaus, Uwe Rösler, Heiko Peschke, Detlef Schößler, Dariusz Wosz, Heiko Bonan, Jörg Schwanke, Jörg Stübner, Heiko Scholz (v. l.). © picture alliance / dpa/dpaweb

Und zwar?

Ich war damals sehr sauer auf viele Nationalspieler, die ich nach meinem Amtsantritt zurückgeholt hatte. Berufen wurde ich dazu am 16. Juli 1989. Zum damaligen Zeitpunkt waren viele Spieler abgeschrieben, denen ich danach noch einmal eine Chance gegeben habe. Doch fast alle von denen sagten für das letzte Länderspiel ab. Ich habe wie ein Blöder rumtelefoniert, dass wir überhaupt sechzehn Spieler zusammenbekommen. Doch einer nach dem anderen gab mir einen Korb. Jeder hatte irgendwelche Ausreden oder Ausflüchte.

Sie bekamen 22 Absagen, mit teilweise dubiosen Entschuldigungen. Rainer Ernst, Henri Fuchs, Dirk Heyne und Volker Röhrich gaben Motivationsprobleme an. Uwe Machold hätte keinen Pass gehabt, Dirk Schuster, heute Trainer von Bundesliga-Aufsteiger Darmstadt 98, sah sich schon alsBRD-Bürger.

Ich denke, den Spielern kann man gar nicht so viel vorwerfen, weil sie nicht diesen großen Durchblick hatten. Doch die Funktionäre der Westvereine, bei denen sie inzwischen s